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RUNDFUNK ONLINE


Diese Arbeit entstand an der Technische Universität Dresden;
Institut für Kommunikationswissenschft im WS 1998/99 im Rahmen des Seminars
Digitale Rundfunktechnik und ihre Auswirkungen
bei Prof. Dr. Ing. F. Müller Römer


1. NUTZER DES NEUEN MEDIUMS INTERNET

2. NUTZUNGSMOTIVATION

3. NUTZUNG DER ONLINEANGEBOTE VON RUNDFUNK- UND FERNSEHANSTALTEN

4. ZUGANGSWEGE ZU "HTTP:\\ WWW. IHR-SENDER.DE"

5. BEURTEILUNG DER ONLINEANGEBOTE DURCH DIE NUTZER

6. SCHLUßFOLGERUNGEN AUS DEM NUTZERVERHALTEN FÜR DIE SENDEANSTALTEN

7. JUGENDLICHE NUTZER DES NEUEN MEDIUMS INTERNET

8. INTERNETANGEBOTE ÖFFENTLICH-RECHTLICHER RUNDFUNKVERANSTALTER IN DEUTSCHLAND

9. HÖRFUNK UND FERNSEHEN IM INTERNET

10. REZEPTIONSMUSTER DER ONLINEKOMMUNIKATION

LITERATURVERZEICHNIS


1. Nutzer des neuen Mediums Internet

Im Spätsommer 1998 wurde die 2. ARD Onlinestudie veröffentlicht und brachte zum Teil von den Autoren selber noch vor Jahresfrist für unmöglich gehaltene Zahlen zu Tage. Die wohl überraschendste ist die der 6,6 Mio. Menschen in Deutschland, die über einen Internetzugang verfügen. Damit hat die Prozentzahl der Onlinenutzer die 10% Grenze, gemessen an der Gesamtbevölkerung, überschritten. Die Überraschung besteht vor allem in der Tatsache, daß die Zahl einen Zuwachs gegenüber 1997 von über 50% bescheinigt.

Wobei noch eine andere Aussage vor allem für die später sichtbar werdenden Aussagen über die Nutzungsziele von Bedeutung ist. Die Formulierung bedient ein Klischee. Der Internetnutzer in Deutschland ist von folgendem Typ: männlich, jung, hochgebildet und berufstätig. Insgesamt sind 72 % der Nutzer männlich, dem gegenüber stehen 28 % weibliche Nutzer von Onlinediensten und Internet. Die Gruppe der 14 – 19 Jährigen, auf sie werde ich später nochmals spezieller eingehen, nimmt mit einem Gesamtanteil von 11% an den Nutzern eine beträchtliche Größe ein.

2. Nutzungsmotivation

Die Hauptmotivation für die Nutzung ist ganz eindeutig Informationsgewinn. Dabei wird von den Internetnutzern zielgerichtet, nutzenorientiert und bewußt vorgegangen. 80% der Nutzer geben an, das Internet zur Informationsabfrage und für das Versenden und Empfangen von Email zu gebrauchen. Im Gegensatz dazu stehen lediglich 51% der Nutzer, die ziellos surfen als den Zweck der Onlinenutzung angeben. Daraus ergibt sich auch die besondere Bedeutung für diejenigen Angebote des WWW, die der Nachrichtenverbreitung in all ihren Facetten Rechnung tragen.

3. Nutzung der Onlineangebote von Rundfunk- und Fernsehanstalten

Um an die gesuchten Informationen, die inhaltlich den der herkömmlichen Medien entsprechen dürften, zu gelangen, wird auch im neuen Medium Internet auf die Angebote der herkömmlichen Medien zurückgegriffen. Hier kommt auch der Zirkelschlag aus Angebot und Nachfrage zustande. Den herkömmlichen Medien, und da insbesondere den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den sogenannten Qualitätszeitungen wird die Informationskompetenz vom Internetnutzer zugesprochen. Die Angebote der Verlage bzw. Betreiber richten sich danach.

So geben 28% der Nutzer an, bereits online-Kontakt zu privaten Fernsehsendern gehabt zu haben, die damit einen leichten Marktvorteil gegenüber den öffentlich-rechtlichen Anstalten haben. Deren Seiten haben aber immerhin noch 19% der Benutzer bereits kontaktiert.

Beim Rundfunk ist der Anteil leicht zu Gunsten der öffentlich-rechtlichen mit 16% verschoben, im Gegensatz zu 12% der Nutzer, die schon einmal Kontakt zu privaten Rundfunkanbietern über deren Onlineangebote hatten.

Von denjenigen Onlinenutzern, die schon einmal Kontakt zu den WWW – Angeboten der Fernsehsender hatten, nutzten entsprechend den bisher anhand des Zahlenmaterials dargestellten Nutzungszielen 33% die Angebote der Nachrichtensendungen entsprechender Sender. Jedoch gibt es hier eine beinahe Drittelteilung mit den Angeboten von Magazinsendungen (30%), und Unterhaltungsendungen (30%). Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei wieder das ARD – Flaggschiff "Tagesschau" ein, gefolgt von den "Tagestehmen" des ZDF. Bei den anderen Angeboten sind "WISO" und die "Harald - Schmidt Show" sowie "RAN" die am häufigsten besuchten Internetseiten.

4. Zugangswege zu "http:\\ www. Ihr-Sender.de"

Im Geflecht des Internets sind die Zugangswege zu den Anbietern so vielfältig wie das Netz mit seinen Möglichkeiten von Verweisen, Links und Suchmaschinen selbst. Um so erstaunlicher mutet es mir an, daß nach den Umfrageergebnissen der ARD - Onlinestudie 72% der Nutzer durch Hinweise aus Sendungen zum Besuch von Internetseiten der jeweiligen Sendeanstalten animiert werden. Die Einblendungen zum Abspann von Nachrichten- oder Magazinsendungen, bei Rundfunksendern speziell angefertigte Trailer mit den entsprechenden Hinweisen, sind, so ungewohnt sie bei ihrer Einführung auch waren, im Laufe der Zeit zu alltäglichen Elementen der graphischen Gestaltung oder der Sendegestaltung geworden. Die anderen Wege zum Ziel, dem Onlineangebot eines Senders oder einer Sendung, setzen sich mit :Hinweisen aus Printmedien zu 64% und
Hinweisen von anderen Anwendern zu 31% zusammen.

5. Beurteilung der Onlineangebote durch die Nutzer

81 % derjenigen Internetnutzer, die das Angebot der Sendeanstalten ARD oder ZDF kennen, beurteilen es mit sehr gut bis gut. Daraus läßt sich schließen, daß das Angebot auf die Erwartungshaltungen der Rezipienten abgestimmt ist und das das Internet ein Medium ist, in dem die vom Anwender hinsichtlich Rundfunk und Fernsehen geforderten Inhalte auch vorhanden sind.

Der Aussage "... trifft voll und ganz zu." zugestimmt haben der jeweils angegebene Prozentsatz der Nutzer:

der Onlinekontakt hat Programminteresse erhöht: 31%
habe häufigerer Kontakt mit Programmen, die Zusatzinfo Online haben: 43%
habe mehr von der Sendung, wenn zusätzliches Onlineangebot: 63%

Bei der Nutzung der Onlineangebote von ARD und ZDF steht für den jeweils angegebene Prozentsatz der Nutzer im Vordergrund:

Info über aktuelles Weltgeschehen: 65%
Nutzen von Hintergrundmaterial und Archiven: 56%
Verbraucherinfos: 56%
Nutzen von Datenbanken mit Tondokumenten: 35%
Zugriff auf Manuskripte: 31%
Lifeerlebnis der Sendung: 24%

6. Schlußfolgerungen aus dem Nutzerverhalten für die Sendeanstalten

Gut gemachte Angebote stützen die originäre Mediennutzung, sie binden den Rezipienten über das neue Medium Internet an den Sender und animieren dazu, das Programm weiter zu verfolgen. Allerdings hat nur 1% aller potentiellen Nutzer mehr als ein Mal pro Woche Onlinekontakt zu Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sender. Daraus folgt wiederum, daß die Onlineangebote keine Konkurrenz für die Massenmedien sind. Selber kann dem Internet noch nicht der Status eines Massenmediums zugesprochen werden, trotz des umfangreichen Nutzerzuwachses um 60% binnen eines Jahres. Funktionalität der Angebote hinsichtlich der Orientierung und des Inhalts stehen für die Nutzer im Vordergrund.

7. Jugendliche Nutzer des neuen Mediums Internet

Bei den Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren nimmt die Nutzung des Fernsehens weiterhin den Platz 1 ein. Daneben hat sich die Nutzung von PC und dabei wiederum die Onlinenutzung weiter etabliert. Beim Nutzungsverhalten der Jugendlichen kann ein Zusammenspiel der Nutzung klassischer und neuer Medien festgestellt werden. Bei der Nutzung der klassischen Medien steht auch in dieser Altersgruppe eindeutig der Unterhaltungseffekt im Vordergrund.

Die Frage: „Wenn Fernseher genutzt wird, sehe ich häufig..." wurde mit folgenden Prozentangaben beantwortet:

Spielfilm, Serie, Krimi; 69 %
Musik: 50%
Sport: 45%
Polit. Magazine: 4%
Kultur: 4%

Parallel zu den Angaben der Fernsehnutzung liegen die zur Radionutzung. Auch hier wieder die Prozentzahlen zur Antwort auf die Frage "Im Radio höre ich häufig..."

E-Musik 94%
Comedy 69%
Sport 51%

Sowohl für die Fernseh- als auch für die Radionutzung sind die Zahlen nicht nach Geschlechtern getrennt, sondern für die gesamte Untersuchungsgruppe gewählt.

Für die Nutzung des neuen Mediums PC ergeben sich abweichende Nutzungsziele im Vergleich zu den klassischen Medien. Eine besondere Rolle spielt bei der PC- und Onlinenutzung die Frage nach der schnellen Informationssuche. Von den Jugendlichen, die einen PC besitzen, nutzen mindestens 71 % das Gerät ein mal im Monat und 18 % geben an, schon ein Mal im Internet gewesen zu sein. Insgesamt steht jedoch die Nutzung des Internet mit 7% an letzter Stelle bei der Frage nach der Nutzungshäufigkeit ("nutze täglich /mehrmals pro Woche") im Vergleich zu Spielen und anderen Anwendungen wie Lernprogrammen.

Wenn das Internet genutzt wird, dann zu 30% um Informationen zu suchen, zu 22%, um Musik oder Sounddateien zu hören, und zu 19%, um zu Chatten.

Die Einstellung zu Onlinediensten verschiebt die Gewichtung der Anwendungsziele wiederum etwas in Richtung der Unterhaltung. So geben die entsprechenden Prozentzahlen die Antwort auf die Frage "...stimme voll und ganz zu..." wieder:

Leute kennenlernen: 50%
Nützlich für Schule und Ausbildung: 39%
Um Onlinedienste wird zuviel Aufhebens gemacht: 22%
Gehören einfach dazu: 20%

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß bei der Gruppe der Jugendlichen die PC- und Onlinenutzung nur als weitere Möglichkeit der Medienwelt gesehen wird. PC und Online bieten jedoch die Möglichkeit zur gezielteren und differenzierten Bedürfnisbefriedigung durch die dem Medium eigenen speziellen Auswahlmöglichkeiten.

8. Internetangebote öffentlich-rechtlicher Rundfunkveranstalter in Deutschland

Generell kommt am Ende des 20. Jahrhunderts kein größeres Unternehmen am Medium Internet mehr vorbei. Dies trifft vorallem auf die Unternehmen aus der Medienbrache selbst zu. Die Ursache dafür liegt darin, daß keine größere Firma, kein Medienkonzern und auch kein öffentlich-rechtlicher Rundfunkveranstalter auf diesen Weg der Kommunikation mit den Kunden, sowie auf eine Eigendarstellung in den Onlinemedien verzichten kann.

Die Spezifik der öffentlich-rechtlichen Veranstalter liegt in der Zuschreibung der Informations- und Servicekompetenz durch den Nutzer, und der Anbieter rechnet mit dem Nutzen der Angebote. Der Beginn eines zirkulären Prozesses zeichnet sich damit ab.

Bis vor drei Jahren bestanden die Angebote bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstaltern aus "klassischen" 3 Hauptelementen:

- Pro
gramminformation.

- Sendungsbezogene Themen mit Interaktionsmöglichkeiten und On-demand Möglichkeiten für Audio und Video. Diese Elemente wurden als Möglichkeit zur Profilierung und Abgrenzung gegenüber den Printmedien genutzt.

- Unternehmenskommunikation, Selbstdarstellung als Gesamtunternehmen.

In den letzen drei Jahren entwickelten sich dazu weitere inhaltliche Elemente:

- them
enbezogene Seiten zu den Feldern Politik, Sport, Kultur und Bildung

- zielgruppenorientierte Angebote für Jugendliche und Kinder

- technologieerprobende Angebote wie "das Ding" mit den Elementen WEB Radio, DAB und Satellit oder der ARD Onlinekanal sowie das ZDF Intercast Projekt.


Eine Quantifikation der Inhalte von WWW Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sender ergibt folgende Reihenfolge:

  1. WDR
  2. BR
  3. SWF Südwestfunk
  4. MDR
  5. NDR

Nicht in dieser Rangfolge der Landesrundfunkanstalten aufgeführt, aber ebenfalls mit beachtlichem Umfang, ist das ZDF mit seinem Angebot im WWW vertreten. Darin enthalten sind das "Sportstudio" und "WISO" mit Hintergrundinformationen, sowie die Nachrichtensendung "Heute" als Videoaufzeichnung.

Für die ARD ergibt sich die Vielfalt der Angebot aus der arbeitsgemeinschaftlichen Struktur. Jedoch handelt es sich um viele Angebote unter einem Dach mit nicht optimal vernetzten Strukturen. Seit Anfang 1999 gibt es laut eines Intendantenbeschluß eine Dachdomain unter der Regie des SWF in Baden - Baden, um die Möglichkeiten des WWW, insbesondere die Vernetzung der Angebote und die Koordination der Inhalte, besser ausnutzen zu können. Außerdem soll der Nachteil der institutionellen Trägheit bei Reaktion auf Top -Ereignisse (z.B. Zugunglück in Eschede) durch die Bildung von zeitweiligen WEB – Redaktionen überwunden werden. Damit soll z.B. CCN Paroli geboten werden.

Bei den Angeboten der Nachrichtensendungen wird die Erwartung der Zuschauer erfüllt: auf den WWW Seiten gibt es Headlines mit einem Verweis auf ausführliche Informationen auf einer weiteren WWW Seite.

Als Beispiele für die Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten soll die folgende Auflistung dienen:

Politische Themen

Die Bundestagswahl 1998. Specials auf nahezu allen Angeboten der Landesrundfunkanstalten. Hervorzuheben ist dabei das von Fritz (ORB) erstellte Stimmungsbarometer.

Sport

Die Leichtathletik Europameisterschaften 1998. Auf den WWW - Angeboten gab es Informationen zu Sportlerbiographien, den Medaillenspiegel, einen detaillierten Wettkampfplan und zu den einzelnen Disziplinen Rekordlisten.

Zur Tour de France wurden die Internetseiten der ARD in Kooperation mit der Deutschen Telekom AG erstellt. Auf diesen Seiten gab es auch Interaktionsmöglichkeiten, z.B. einen Meinungsaustausch zum Skandalthema Doping.

Kultur und Bildung

Kultur und Bildung gilt nach wie vor als Qualitätsmerkmal der öffentlich-rechtlichen Sender. Der Ausbau der Seiten von 3SAT, ARTE, dem Bildungskanal des BR und der WDR LEANING SITE, einem Onlinelernangebot der englischen Sprache, trägt dem Rechnung und beweist ein hohes Niveau der Inhalte und der mittels HTML und Java erreichbaren graphischen Gestaltung und Interaktionsmöglichkeiten. Das Onlineliteraturangebot des Deutschlandradios stellt in Ton und Schrift Dokumente von und über 120 Schriftsteller zur Verfügung und ist damit eine der umfangreichsten Informationsquellen im Netz zum Thema Literatur.

Interaktive Projekte

Beim SWR wird mit dem Projekt "Zeitenwende" eine Verknüpfung von historischen Ereignissen mit persönlichen Erlebnissen der Nutzer versucht. Der MDR hat innerhalb des Angebots "75 Jahre Radio" mit "Radio Millenium" den Versuch unternommen, über die interaktive Nutzerbeteiligung eine Radiosendung zu gestalten.

9. Hörfunk und Fernsehen im Internet

Mit der voranschreitenden technischen Entwicklung, vor allem der digitalisierten Produktion von Sendebeiträgen, wird es immer effizienter, Hörfunk live im Internet zu "senden". Dabei kommt es technisch bedingt zu einer Zeitverzögerung, die die Bezeichnung "live" nicht vollständig korrekt erscheinen läßt. Tatsächlich ist diese Verzögerung sinnlich kaum wahrnehmbar. Folgende Sender sind derzeit ( Stand Dezember 1998) im Internet mit dem jeweils aktuellem Programm hörbar: B3, B5 aktuell, Das Ding, Deutsche Welle, hr 3, Info Radio, MDR info, SFB 4 Mulitikulti, SWR 3 und WDR EINS LIFE.

Mit diesen Angeboten wird eine neue Dimension des Rundfunks erreicht. Die Radio- und zunehmend auch die Fernsehprogramme bekommen durch die archivierten und verfügbar gemachten Sendebeiträge Langzeitcharakter. Damit meine ich, daß die Verfallszeit der Sendebeiträge erheblich zurückgegangen ist. Eine verpaßte Sendung ist nicht mehr verpaßt, es gibt die Möglichkeit des späteren Ansehens und Anhörens. Durch Audio- und Videoarchive ist es möglich, sich eigene "Programmabläufe" zu gestalten. Damit verliert die bisherige Programmstruktur ihre Linearität und paßt sich der Netzstruktur des Mediums Internet an.

Durch die Onlinepräsenz der Sender verlieren diese aber auch ihre noch immer lokale oder regionale Beschränkung durch die Verbreitung via Kabel oder Satellit. Der "Empfang" über das Internet ist weltweit und nur noch von der technischen Ausstattung des PC am Ende der Netzstruktur abhängig. Derzeit befindet sich der Rundfunk gegenüber dem Fernsehen noch im Vorteil. Es ist erheblich einfacher und qualitativ besser zu bewerkstelligen, Audiofiles zu übertragen als Videofiles durch das Internet zu schicken. Das liegt in der höheren Datenmenge der Videofiles begründet, ist aber sicher mit der voranschreitenden technischen Entwicklung in absehbarer Zeit kein Problem mehr.

10. Rezeptionsmuster der Onlinekommunikation

Das World Wide Web (WWW) ist nicht nur ein neuer Verbreitungskanal für die Inhalte der Rundfunkanstalten, sondern, wenn auch nicht mehr ein brandneues, doch aber ein neues Medium, das sich zum Massenkommunikationsmedium entwickelt. Es ergibt sich eine wesentliche Abgrenzung zu alten Massenmedien in 5 Punkten:

1. Das WWW folgt nicht den hergebrachten linearen oder narrativen Strukturen der Print- bzw. Funkmedien. Damit ist die Rezeptionsabfolge der Inhalte nicht mehr vorgegeben und steht im Gegensatz zu der Rezeption der Rundfunkinhalte.

2. Die multimediale Struktur der Präsentation stellt neue Orientierungs- und Navigationsanforderungen an den Nutzer. Für die Rezeption der Onlineangebote wird die Navigation zu und innerhalb der Angebote so entscheidend, wie die Inhalte der Angebote selber.

3. Die Möglichkeiten der Interaktivität wie Email, Teilnahme an Foren und Newsgroups, Selektion der Inhalte und Teilnahme an Abstimmungen oder Umfragen müssen vom Nutzer wahrgenommen werden und in der technischen Anwendung innerhalb der Browser beherrscht werden.

4. Die Nutzung und Aktualisierung der Onlineangebote hat zeitliche Autonomie, sie sind nicht an die Sendezeit gebunden.

5. Die Präsentation unterliegt den physischen Raumbegrenzungen des Bildschirms. Das stellt nicht nur für die Angebote der Fernsehsender eine neue Herausforderung an die Gestaltung der Seiten dar, ist doch der PC-Bildschirm wesentlich kleiner als der des Fernsehgerätes und laufen Videosequenzen meist noch innerhalb des PC- Bildschirms in wiederum verkleinerten Fenstern ab. Isolierte Elemente, die unter der Bildschirmkante liegen, werden oftmals von den Nutzern nicht entdeckt.

Bei der Beurteilung der Nutzung steht sowohl die qualitative als auch die quantitative Kommunikationsforschung vor der Tatsache, daß die Page Impressions (Sichtkontakte einer Internetseite) nichts über die Art und Weise der Nutzung aussagen. Hier gilt es, neue methodologische Ansätze zu finden, da man mit den hergebrachten Methoden für die Rezipientenforschung der Spezifik des Onlinemediums nicht gerecht werden kann.

Im Folgenden sind einige Aspekte der Angebote und des Nutzungsverhaltens betrachtet:

10.1. Einstiegsseiten

Die Einstiegsseiten stellen gewissermaßen das Tor zum Onlineangebot eines Senders dar. Sie haben die Aufgabe, die Struktur des gesamten Angebotes transparent zu machen und weiterführende Einstiegspunkte zu offerieren. Weiterhin muß hier die angebotsspezifische Nutzerführung und Navigation dargestellt und eingeführt werden.

10.2. Nutzungsvorgang

Beim Nutzungsvorgang gibt es folgende zwei generellen Strategien der Besucher von Internetseiten:

1. gezielte Informationssuche

2. interessante Inhaltsangebote beim Surfen zu finden

Betrachtet man die Angebote der Rundfunkanstalten, müssen die Strategien der Nutzer zum Unterscheidungskriterium für den gestalterischen Aufbau der Angebote werden. So kann man bei den Angeboten von WDR u. ZDF eine Gewichtung in Richtung der erstgenannten Strategie bei der Angebotsgestaltung beschreiben. Als Beispiel für die unter 2. genannte Strategie kann das Angebot des SWR 3 gelten.

Bei den Einstiegsseiten, aber auch bei den weiterführenden spezifischen Themenseiten, tritt oft beim Nutzer das Problem der informellen Überforderung auf. Der Inhalt ist strukturiert, aber zu umfangreich. Hier ist aus gestalterischer Sicht immer zwischen den Polen:

sparsam - aufwendig oder

nicht-schlecht -gut strukturiert zu balancieren.

Andererseits gilt jedoch, daß die Reduktion auf eine bloße Struktur wiederum zuwenig Information und Animation für den Nutzer bringt, um weiter in dem Angebot zu verweilen. Hat die Einstiegsseite keine Struktur, tritt beim Nutzer eine Überforderung beim Finden weiterer Angebote oder eines Einstiegs in das Angebot überhaupt ein.

10.3. Navigationssystem

Das angebotsinterne Navigationssystem ist entscheidend für die Intensität der Nutzung.

Da die Navigation nicht standardisiert ist, gibt es besondere Anforderungen an die Navigationssysteme, die scheinbar nicht leicht umzusetzen sind. Sie müssen plausibel und in kürzester Zeit lernbar sein. Interne Verknüpfungen (Links) müssen als solche erkennbar gemacht werden und in der optische Gestaltung einheitlich innerhalb eines Angebots gestaltet werden.

Wenn eine Verknüpfung als solche erkannt ist, dann muß der Nutzer aber auch eine Vermutung haben, wohin die Reise geht. Hier wird er zu oft allein gelassen. Der Nutzer bekommt in dieser Hinsicht wenig Hilfe durch die für die Links verwendeten Kunstwörter. Diese lassen oft genug gar nichts vermuten. Als Folge der unerfüllten Erwartung kommt es zum Abbruch des Kontaktes zu dem gerade besuchten Angebot. Bei dem Nutzer tritt der "Lost in Cyberspace Effekt" ein.

Das Wissen beim Nutzer über die Struktur eines Rundfunkprogramms fehlt. Dies führt wiederum zu Schwierigkeiten bei der Navigation durch das Angebot, wenn es der Programmstruktur folgt. Daher werden Schaltflächen und Ordnungsprinzipien innerhalb von Olineangeboten der Rundfunkanbieter, die von Programmstrukturen abgeleitet sind, nur schwer vom Nutzer erkannt. Im Gegensatz dazu stehen die Angebote von Zeitungen, da hier auch in den Onlineangeboten die Struktur ähnlich denen der Printausgaben ist. Die Umgestaltung des nicht-linearen Ansatzes von Printmedien (wenn man das Gesamtprodukt betrachtet) in ein WWW – Angebot fällt leichter, als die der linearen Medien Fernsehen oder Rundfunk.

Die derzeitigen Angebote der Sendeanstalten sind redaktions- oder senderorientiert, es steht die Frage: "Was können wir bieten ?", und nicht "Was braucht der User?"

10.4. Gratifikationskriterien

Allgemein läßt sich feststellen, daß der Informations-, Unterhaltungs- und Sozialwert eines Angebots für die persönliche Identität, die Integration oder Interaktion des Nutzers entscheidend ist. Die bekannten inhaltsorientierten Gratifikationskriterien sind durch onlinespezifische Kriterien zu ergänzen. Diese sind: "... die Orientierungsleistungen eines Angebots hinsichtlich seiner Erschließbarkeit, die Plausibilität der Struktur des Angebots, seine Navigierbarkeit, seine optische Anmutung, seine Erlernbarkeit und damit seine Kohärenz." (Bucher/Barth, 1998, S 522).

Damit wird nicht nur dem Inhalt Bedeutung beizumessen sein, sondern auch der zur Erschließung notwendige Aufwand, der über den des Aufwandes zur Rezeption von Print- oder Funkmedien beträchtlich hinausgeht.

Ein weiterer nicht unerheblicher Gratifikationspunkt ist die Ladezeit bzw. Übertragungszeit einer Seite, eines Bildes, Videos oder eines Musik- bzw. Wortbeitrages. Mit der Ladezeit gehen Kosten für Telekom und Provider einher, dadurch werden Seiten mit wenig aufwendigen Bilddateien nutzerfreundlicher eingeschätzt als aufwendig gestylte Seiten.

Die einem Medium spezifischen Angebote haben sich auch bei den heute herkömmlichen Medien erst im Laufe einer gewissen Zeit herausgebild

et. In ihren jeweiligen Anfangsphasen haben auch diese Medien die Angebote der bereits vorhandenen Medien genutzt. Die heutigen Onlineangebote kopieren vielfach noch die herkömmlichen Medien Rundfunk und Fernsehen, aber es gibt sich herauskristallisierende spezifische Onlinekommunikationsformen wie Selektions- oder Archivfunktionen, interaktive Angebote, multimediale Präsentation und die Besonderheiten der Navigationsmöglichkeiten.

Für den Anwender wird entscheidend, daß er sich auf bekannte Strukturen stützen können muß und neue Strukturprnizipien und Navigationsmittel rasch erlernen kann.

Literaturverzeichnis

FEIERABEND, Sabine; KLINGER, Walter: Jugend, Information und Multimedia. Eine Bestandsaufnahme und Trends 1998. In: Rundfunk und Fernsehen 4/98 S 480 _ 497

von EINEREN, Birgit; GERHARD, Heinz; OEHMICHEN, Ekkerhardt; SCHRÖTER, Christian: ARD Online Studie 1998. In: Media Perspektiven 8/98 S 423-435

EWALD, Karl; GSCHEIDLE, Christoph; SCHRÖTER, Christian: Professionalisierung und Spezialisierung im Onlinemedium. Internetangebote ö-r Rundfunkveranstalter in Deutschland. In: Mediaperspektiven 10/99

BUCHER, Hans-Jürgen; BARTH, Christoph: Rezeptionsmuster der Onlinekommunikation. Empirische Studie zur Nutzung der Internetangebote von Rundfunkanstalten und Zeitungen. In: Media Perspektiven 10/98

Letzte Aktualisierung: 22.08. 2001

eMail: Lars.Schwenzer@alma-larsson.de

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