Die Ikonographie der Querhausportale von Chartres

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Baugeschichte

2.1 Entstehung der Querhausportale

2.2 Entstehung der Portalprogramme

3  Allgemeine Baubeschreibung der Querhausportale

3.1 Südquerhaus

3.2 Nordquerhaus

4 Ikonographie der Portale

4.1 Südportal - allgemeine Bemerkungen

4.2 Weltgericht

4.3 Märtyrerportal

4.4 Bekennerportal

4.5 Nordportal - allgemeine Bemerkungen

4.6 Marientriumph

4.7 Epiphanieportal

4.8 Hiob-Salomo- Portal

5 Schlussbemerkung

6 Literaturverzeichnis

6.1 Verwendete Literatur

6.2 Weitere Literatur

 

Einleitung

Die Autoren, die sich mit der Darstellung, Beschreibung und Interpretation der umfangreichen Portalprogramme an den Querhausportalen in Chartres auseinander gesetzt haben, bewegen sich zwischen zwei Polen, die in einer Frage zusammenzufassen sind: Ist es möglich, das Programm der Kathedralskulpturen an den Querhausportalen in Chartres als die Summe seiner Einzelteile zu verstehen und es auf diese Art und Weise zu erschließen, oder soll beim Entziffern des Programms davon ausgegangen werden, dass es eine konzeptionelle Idee gibt, die als gestalterisches Generalthema, gleichsam auf der interpretatorischen Metaebene wirkend, für die Bildszenen als Schlüssel zum Verständnis anzunehmen ist? Die Figurenkonstellation des Nordportals lässt weder historisch noch szenisch betrachtet ein einheitliches Bild entstehen. Hier setzt insbesondere die Darstellung Martin Büchsels[1] an: Nur das Herausstellen der begrifflichen Struktur der Querhausportale zeigt die Verbindung dieser untereinander und führt zu befriedigenden interpretatorischen Ergebnissen und neuen Hypothesen bezüglich der komplizierten Baugeschichte des Querhauses in Chartres. Seit den Darstellungen von E. Mâle[2] sind liturgische Texte Grundlage der ikonographischen Interpretation der Kathedrale. Dabei werden vor allem die Texte des Honorius Augustodunensis, das Mitrale von Sicardus und das Rationale von Durandus zu Grunde gelegt. „Diese liturgischen Texte sind von J. Sauer[3] so gelesen worden, als werde darin die Symbolik des im 12. und 13. Jahrhundert aktuellen Kirchenbaus ausgebreitet.“[4] Die Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts belegt die intensive Bearbeitung der Architekturbeispiele der Bibel, die zu weiteren Auslegungen geführt haben.Die Kathedralbauten zeigen jedoch keine tatsächlichen Nachbauten des Tempels oder anderer beschriebener bzw. ausgelegter biblischer Bauwerke. Jedoch sind in den realisierten Bauten Themen der Tempel- und Tabernakelexegese nicht auszuschließen, Abt Sugers Bezug auf die Apostel bei den Säulen in St. - Denis sind dafür beispielhaft.Die Kirchensymbolik entstammt einem System, das sich unabhängig von der gebauten Kirche entwickelt hat. Der Bau gilt als Metapher, seine Formen sind das Vokabular der weltlichen (u.a. Machtansprüche geltend machenden) und der spirituellen Kirche gleichermaßen.

2. Baugeschichte

Die Kathedrale von Chartres ist das bedeutendste Marienheiligtum Frankreichs. Sie hat in einem an anderer Stelle gelegenen vorchristlichen Kultplatz ihren Ursprung, an dem sich eine Quelle befunden haben muss. Deren Umfassung ist ergraben worden. An diesem Kultplatz wurde die „Virgo paritura“ - die Jungfrau, die gebären sollte - verehrt. Die Statue dieser Jungfrau soll noch bis 1650 in der Krypta unter der Kathedrale gestanden haben. Während der Französischen Revolution wurde sie 1793 vor dem Westportal verbrannt.Die erste christliche Kathedrale entstand in Chartres um 350 n. Chr. und wurde durch Bischof Aventus errichtet. Dieser von den Normannen zerstörte Bau hatte mehrere Folgebauten, die größer und umfangreicher ausgestattet als ihre Vorgängerbauten ausgeführt wurden, aber Feuern oder Kriegen zum Opfer fielen.Die dritte in Chartres erbaute Kathedrale ließ Bischof Giselbert im 9. Jh. errichten. Sie enthielt eine Grablege, das sogenannte Lubinus – Martyrium. Dieser Bau durfte deshalb nicht auf dem Gelände der alten Kathedralen liegen, da dort auch die heilige Quelle war, mit der sich immer noch der vom „Virgo paritura“ zum „Virgo qui paeperit“ – der Jungfrau, die geboren hat – gewandelte Mythos verbunden war und sich eine Grablege damit nicht vereinbaren ließ.875 erfolgte die für die Begründung als Marienheiligtum wesentliche Schenkung der Marienreliquie durch Karl den Kahlen an Chartres. Die „Sancta camisia“ gilt als die Tunika, die Maria bei der Geburt Jesu trug. Auf den Abt und späteren Bischof von Chartres, Fulbert, geht der Bau der 4. Kathedrale zurück. Dieser Bau umschloss das Labinus – Martyrium und gliederte es in die neu geschaffene Krypta mit ein.1134 brannte Fulberts Kathedralbau und die Westfassade wurde dabei zerstört. Danach entstand an gleicher Stelle das erste Figurenportal in Chartres, das Königsportal am neu errichteten Westportal.Bei einem verheerenden Stadtbrand 1194 brannte auch die 4. chartreser Kathedrale fast vollständig ab, lediglich die Westfassade und der Südturm, sowie die unteren Geschosse des Nordturms, die Krypta und die Chorfundamente blieben erhalten.Nach einer kurzen Phase der Lähmung, die sowohl die Bürger der Stadt als auch das Domkapitell erfasst hatte, beschloss man, die Kathedrale neu zu errichten. Das der Neubau nicht nur religiöse, sondern auch wirtschaftliche Gründe hatte, wird aus dem Zusammenhang von Marienheiligentum, das eine der bedeutendsten Wallfahrtstätten des Mittelalters war, und den damit verbundenen Einnahmen aus dem „Pilgertourismus“ für die Stadt deutlich.[5] Dieser Neubau sollte die von Fulbert angelegte Krypta erhalten. Durch die geplante Einbeziehung der bei dem Brand verschonten Westfassade waren somit die Langhausmaße des Neubaus vorgegeben. Diese Grundrissvorgabe war nur durch das Einfügen eines Querhauses in den Neubau zu variieren. Im Aufriss des Neubaus hingegen waren keine durch den Vorgängerbau gesteckten Grenzen gesetzt, lediglich das Nordportal musste integriert werden. Die so begrenzte Gestaltungsfreiheit führte zu der Bauausführung, die heute in Chartres erhalten ist.Das Langhaus wurde mit einer mächtigen Gewölbehöhe von 37 Metern ausgeführt, anstelle der Emporen trat das Triforium und der Obergaden erreichte die gleiche Höhe wie die Arkaden. Das 16,40 Meter breite Hauptschiff wird von einfachen Seitenschiffen begleitet. Das eingefügte Querschiff trennt das Hauptschiff eindrucksvoll vom Chor und verleiht diesem seine Größenwirkung.

 

2.1. Entstehung der Querhausportale

Man kann wohl davon ausgehen, dass gleichzeitig mit dem Bau der Querhäuser auch mit der Konzeption für die Ausgestaltung der Querhausportale begonnen worden ist. Während des Baus, bei dem sich zeitgleich mit dem Bau der Querhausschiffe auch die Arbeit der Skulpturwerkstätten vollzog, hat sich ein Planwechsel ergeben. Der oder die Gründe für diesen Planwechsel sind nicht nachgewiesen, der Fakt stützt sich im wesentlichen auf den baulichen und ikonographischen Befund. Die Ikonographie des Nordportals ergibt einen deutlich heterogeneren inhaltlichen Portalaufbau als den im Unterschied dazu viel homogener zu lesenden Portalaufbau des südlichen Querhauses. Trotz des scheinbar nicht schlüssigen, im ikonographischen Programm eigenartig uneinheitlich wirkenden Aufbaus im Nordportal gibt es eine theologische Idee, einen detaillierten Plan. Damit kann auf der Ebene der ikonographischen Interpretation sowohl ein Zusammenhang der einzelnen Portale des Nordquerhauses untereinander, als auch ein Bezug der Portale des Nord- und Südquerarmes in Chartres hergestellt werden. Insbesondere Martin Büchsel hat durch seine Interpretation des rechten (westlichen) Querhausportals, des Salomon – Hiob – Portals, die Zusammenhänge deutlich gemacht und auf der Grundlage seiner ikongraphischen Auslegungen auch einen Vorschlag zur Rekonstruktion der Baugeschichte der Querhausportale unterbreitet. Zunächst sollen kurz die einzelnen Hypothesen zur Entstehung der Querhausportale skizziert werden, ohne dabei, soweit das möglich ist, auf die ikonographischen Einzelheiten der Querhausportale einzugehen.Nach den Baubefunden war ursprünglich am nördlichen Querhaus nur ein Portal vorgesehen. Mit dem Bau des Nordportals wurde begonnen und als das Südportal nach dem Planwechsel bereits mit drei Durchbrüchen im Wandaufbau für die Portale entstand, wurde das Nordportal entsprechend angeglichen. Dieser Darstellung folgen die meisten der Autoren, die zur Ikonographie und Baugeschichte der chartreser Querhausportale publiziert haben.Nach dem allgemein[6] als zu spekulativ abgetanen Versuch von Jan van der Meulen und Jürgen Hohmeyer[7] entstand Büchsels Vorschlag zur Entstehung der Querhausportale. Van der Meulen und Hohmeyers Vorschlag sieht nach einer akribischen Vermessung und dem Zusammentragen weiterer Indizien vor, dass das Weltgericht des südlichen Querhausportals eigentlich das schon ausgeführte Skulpturenprogramm für ein neu zu errichtendes Westportal gewesen sein muss. Flankiert worden wäre das Weltgericht dieses neuen Westportals vom sich jetzt links an der Südseite befindlichen Märtyrerportal und dem Epiphanieportal. Das Epiphanieportal befindet sich heute links des Marien – Krönungsportals an der Nordseite des Querhausarmes. Dieses Westportal wäre dann, so van der Meulens Hypothese weiter, auf Grund des Planwechsels nicht mehr ausgeführt worden und die schon gefertigten Skulpturen des Weltgerichts seien eben an die jetzige Südseite des Querhauses „transplantiert“. Das an der Nordseite vorhandene Maria - Triumph – Portal wäre demnach das dafür original vorgesehene Portal und ist durch das Hiob – Salomo - Portal auf der rechten (westlichen) Seite und das Epiphanieportal links ergänzt worden. Das nach Süden verlegte Weltgericht vom Westportal hätte dann zur Vervollständigung neben dem Märtyrerportal noch das Bekennerportal auf der rechten (östlichen) Seite bekommen.Dem gegenüber steht Büchsels Entwurf der Baugeschichte der Portale, der sich auf eine tiefgehende Interpretation des ikonographischen Programms stützt. Zunächst geht er davon aus, dass am Anfang der Chronologie der chartreser Portalskulptur die Gewände des Maria - Triumph – Portals stehen und das Querhausprogramm seinen ideellen Anknüpfungspunkt an der Westfassade in Laon findet, der den Marientriumph, begleitet von der Epiphanie (links) und dem Weltgericht (rechts), vorstellt. Durch die Darstellung von Marientriumph und Epiphanie wird die mariologische und christologische Verbindung innerhalb des Portalprogramms geschaffen. Das ist in Laon ein absolutes Novum, bis dahin hat es diese Verbindung in der Portalskulptur nicht gegeben.Bei der Konzeption der Querhausportale muss auch für Büchsel das Programm der Südfassade einheitlich gedacht worden sein, während das der Nordfassade heterogen ist und dessen ikonographische Konsistenz nur in Verbindung mit dem Südportal zu denken ist: „Die typologische Korrespondenz der Laoner Konzeption von Marientriumph und Epiphanie ist in Chartres nicht realisiert worden. Die christologische Typologie am Gewände des Maria - Triumph – Portals erhält keine mariologische Antwort am Gewände des Epiphanieportals. Das Programm des Hiob – Salomo – Portals hat in dem Weltgericht der Südfassade seinen Angelpunkt. Es scheint der gleichen Planänderung zu Grunde zu liegen, wie die Südfassade. Hierin dürfte der Grund für die ungewöhnliche Beschränkung auf Themen des alten Testaments liegen.“[8].Büchsels Vorschlag für den Bauablauf sieht die Einbindung der vorhandenen Westfassade in den Neubau vor. Das führt für ihn dazu, die Querhauskonzeption als Hauptfassadenkonzeption zu betrachten. Demnach sah diese Konzeption vor, im Süden den Marientriumph von Epiphanie und Weltgericht flankiert zu bauen und damit eine zum Laoner – Westportal konforme Konzeption umzusetzen. Die Planänderung führte zum Ausbau des ohnehin an der Nordseite geplanten Weltgerichts zu einem eigenständigen Querhausprogramm an der Südseite. Damit ist auch die liturgische Überordnung über den Marientriumph einhergehend. Der Anlass für den Planwechsel können für Büchsel die Kriege gegen die Albignenser gewesen sein, die ihren Höhepunkt 1219 im Kreuzzug des zukünftigen Königs Ludwig des VIII. fanden. Ein weiteres starkes Argument Büchsels ist, dass bei der Hauptfassade eines Marienheiligtums die Marienmutter Anna nicht zur Trumeaufigur gewählt worden wäre. Nach der Chronologie der Figurenentstehung ist Anna auch die zuletzt ausgeführte Figur des Nordportals.Somit ist nach Büchsels Theorie nach dem Planwechsel das ursprüngliche Südportal, mit Ausnahme des thematisch ausgegliederten Weltgerichts, nach Norden gerückt. Das Südportal als gedachtes Hauptportal der Kathedrale wurde als Weltgericht neu konzipiert und an die auf der Nordseite frei gewordene Stelle des Weltgerichts ist das Hiob – Salomo – Portal getreten. Damit wurde somit die Struktur des Laoner Vorbildes nicht direkt, aber durch die ikonographische Interpretation indirekt hergestellt und erweitert. „Das Hiob – Salomo – Portal übertrug die typologische Verknüpfung von Marientriumph und Epiphanie der Laoner Ordnung in ein neues christo - ekklesiologisches Programm. Die ungewöhnlichen Umstände seiner Entstehung bewirkten, dass ein typologischer Zyklus nicht Teil eines Portals, sondern zum Portal selber wurde“[9]

2.2. Entstehung der Portalprogramme

Nachdem mit dem Bau der Königsportale in St.-Denis (1140) und Chartres (1145) die großen thematischen Skulpturenzyklen der Frühgotik geschaffen waren, entwickelte sich ein neues Thema an den frühgotischen Kirchenportalen. Mit dem Bau des Westportals in Senlis ab 1170 traten erstmals mariologische Themen in den Tympana der Portalzyklen auf. Damit in Verbindung steht die Darstellung der Wurzel Jesse in den Archivoltenszenen, die auf die königliche Abkunft Mariens verweisen sollte. Die Westfassade in Laon (1200) bildete mit seinen von Giebeldächern überbauten Trichterportalen die triumphale Steigerung der bisherigen Portalarchitektur.Darin und in den später ausgeführten Portalprogrammen kommt der Repräsentationsanspruch der triumphierenden Kirche (siegreiche Auseinandersetzung mit den Häresien, Albignenserkriege, 4. Lateranskonzil) zum Ausdruck. Der Aufbau der Portale wird von Symmetrie, Maß und Schönheit in der äußeren Erscheinung der Figuren bestimmt. Die Kategorien voriger Epochen – Pathos, Leiden, Hässlichkeit – spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Diese Darstellungsform resultiert aus dem Berufen auf die Ordnung der Heilsgeschichte, auf deren Gewissheit die Kirche sich besinnt. Die „Ecclesia triumphalis“ tritt in den Figurenprogrammen in Gestalt der Propheten, Apostel, Heiligen, Märtyrer und Bekenner an die Außenseiten der Kirchen, empfängt den Eintretenden am Portal mit dieser Demonstration der kirchlichen Macht und der Stärke des Glaubens.Der Aufbau der Zyklen ist durch eine strenge, hierarchische Ordnung geregelt: diese weist die Figuren nach Rang und Zahl an die Orte, die sie in der Heilsgeschichte einnehmen. Das diese Ordnung nicht unumstößlich ist, zeigen gerade die Querhausportale in Chartres. Es sind die Themen gegeben, der ideelle, auf die Auslegung der Heilsgeschichte basierende Überbau, jedoch wird keine strenge Ordnung der Motive herausgebildet. Die Themen der Portale sind vorgegeben, sie sind in der Heilsgeschichte, in den Büchern des alten und neuen Testaments festgeschrieben, ihre Ausführung jedoch variiert.Die Ausmaße der Neubauten ab 1190 spiegeln die Ansprüche der Kirche nach Reprä­senta­tion an den Westfassaden und Portalen wieder. Die Fassade von Notre Dame in Paris wies drei Portale mit 20 Figuren, Statuen an den Strebepfeilern und eine Galerie mit 28 Königsfiguren auf. Einen vorläufigen Höhepunkt bildeten die Querhausportale von Chartres, übertroffen nur noch von der Ausgestaltung der Westfassade und den Portalen in Reims. Die Querhausportale in Chartres weisen 90 Statuen, wesentlich mehr kleinere Bildwerke in den Bogenläufen der Archivolten, den Tympana, Pfeilern und Sockeln auf.Die Bildverbindungen der Skulpturprogramme an den Querhausportalen untereinander, und die Verbindungen der Nord- und Südportale miteinander, werden begrifflich gedacht, nicht szenisch oder historisch. Die Konzeptionen sind keine pure Illustration der Evangelien. Das Weltgericht in Chartres stellt die begriffliche Kombination von Richter (iudex), Leiden (passio) und Fürbitte (intercessio) dar. Im Marientriumph stehen unter diesem Blickwinkel im Gewände die alttestamentarischen Repräsentanzfiguren des Opfertodes Christi und eben nicht szenisch zu denkende Begleitfiguren des Marientriumphes.Der begrifflich zu denkende Aufbau der Portalprogramme wird in typologischen Zusammenhängen besonders deutlich. Am Hiob – Salomo – Portal liegen die Begriffe Richter (iudex), Leiden (passio) und Sieger (victor) zugrunde. Durch die Konstellation der Figuren und deren typologische Bedeutung erschließt sich dieser Zusammenhang. Das gesamte Querhausprogramm ruft Christus und die Ecclesia unter der Vorstellung der Einheit beider an.Christus ist der Retter, der sich geopfert hat. Dargestellt in dem die Wundmale zeigenden Richter und den typologischen Figuren des Marientriumphes und des Hiob – Salomo – Portals. Christus ist der Verheißene, der Inkarnierte, dargestellt am Epipha­nieportal. Christus ist der Sieger (victor), der über Tod und Teufel Triumphierende (rex gloriae), dargestellt am Trumeau des Südportals und repräsentiert im Tympanon des Hiob – Salomo – Portals. Christus ist auch der Wiederkommende, der Richter und Schöpfer und als solcher im Märtyrerportal stehend und in den Archivolten der Nordvorhalle dargestellt.Mit dem Namen Christi verbindet sich die Ecclesia. Maria, die Gottesgebärerin, ist der ecclesiologische Spiegel des inkarnierten Christus. Der himmlische Triumph Christi im Verein mit dem der himmlischen Kirche ist durch die gekrönte Maria dargestellt. Maria vertritt unter dem Kreuz die Gemeinschaft der Christen, dass ecclesiologische Prinzip, und beim Weltgericht als die oberste Fürbitterin auch die heiligen Jungfrauen. Sie führt somit im Weltgericht die ganze Hierarchie der Heiligen an.Die Skulpturenensembles der Mittelportale an den Querhausarmen sind liturgisch ausgerichtet und einfacher zu interpretieren, als die der Nebenportale. In die theologischen Programme der Nebenportale ist oft mehr Wissen, Geist und künstlerischer Enthusiasmus investiert als in die liturgisch dominanteren Mittelportale. Dort ist die liturgische Dominanz reglementierend für Gestik und Physiognomie, hier sind aus der Liturgie bekannte Gebärden ausgeführt und konventionalisiert. Den Kontrast dazu bildet das Hiob – Salomo – Portal, welches dann als die Verweigerung vor dieser Konvention zu verstehen ist. Die genaue, offensichtlich typologische Korrespondenz der Portale im Norden ist durch die Planänderung aufgehoben, die begriffliche Korrespondenz ist aber erhalten geblieben. 

3 Allgemeine Baubeschreibung der Querhausportale

3.1. Südquerhaus

An beiden Querhausarmen öffnen sich jeweils drei Portale mit großen Vorhallen. Im Zentrum des Nordportals steht die Staue der heiligen Anna, ihr gegenüber auf der Südseite der triumphierende Christus auf Löwen und Drachen. Unter ihm ein betender Adliger mit einem Diener, Brot verteilend.In dieser Figur wird ein Hinweis auf Graf Ludwig von Chartres und Blois gesehen, der die Reliquie des Annenhaupts gestiftet hat und nach dessen Verfügung an seinem Todestag jährlich eine Armenspeisung stattfinden sollte.Der Heiland am Trumeau entfaltet keine kämpferische Pose, ruhig und feierlich ist er aufgerichtet. Den Segensgruß als Gebärde zeigend und das Buch tragend, ist er die Darstellung der Gewissheit des göttlichen Heilsplans. SM gesamtDie Apostel zu Seiten Christi an den Gewänden sind streng gereiht, kaum bewegt, fast ausdruckslos.Im Tympanon sitzt Christus als thronender Richter unter dem Kreuz, flankiert von den Fürbittenden, Maria und Johannes dem Evangelisten. Im Türsturz, zu Füßen Jesu, steht der die Seelen wägende Erzengel Michael, rechts und links von ihm die Seeligen und Verdammten.In den linken und rechten Seitenportalen stehen in den Gewänden fast ausschließlich Heilige, in den Archivolten sind Heiligenlegenden dargestellt. Die Ausnahme bildet der Ritter am linken Seitenportal, der sich als christlicher Krieger den Geistlichen zur Seite stellt. Auf dem Tympanon und dem Sturz des rechten Seitenportals sind zwei Bekennerlegenden zu sehen, die des heiligen Martin und die des heiligen Nicolaus. Im Tympanon des linken Seitenportals ist Christus als Erlöser und auf dem Türsturz die Steinigung des Erzmärtyrers Stefanus zu sehen.

3.2. Nordquerhaus

In der Mitte des Nordportals, im Tympanon über der heiligen Anna sitzt zur Rechten Christi die gekrönte Maria. Dieses aus Senlis bekannte Thema wird hier weiter entwickelt und bekommt zeremonienhafte NM gesamtZüge durch die affektlose Darstellung und eine Kodifizierung der Geste und Bewegung bei Maria und Christus. Im Sturz sind links Marias Tod und rechts Maria Himmelfahrt dargestellt. Die Gewändefiguren präsentieren die geistigen Vorfahren Christi und die Vorhallenarchivolten die Schöpfungsgeschichte. Das Thema des linken Seitenportals ist die Epiphanie. Dargestellt sind auf dem Türsturz die Geburt Jesu und die Verkündigung an die Hirten. Im Tympanon steht die Anbetung Christi durch die drei Könige und deren Traum, sowie die thronende Maria mit dem Kind. Das Gewände zeigt links die Verkündigung mit Jesaja und rechts die Heimsuchung Marias mit Daniel.Das rechte Nordportal zeigt im Tympanon einen Teil der Hiobsgeschichte, den in seien Wunden liegenden Hiob, umgeben von seiner Frau, seinen Freunden und dem Teufel, der Gott im Zwickel des Bogenfeldes die Zunge herausstreckt. Dem Sturz ist die Darstellung des salomonischen Urteils vorbehalten. Im Gewände links stehen Salomo, die Königin von Saba und Bileam und rechts Hesekiel, Judith und Joseph. Die Gewändefiguren bilden in ihrer als szenisch – dramatisch beschriebenen Anordnung und Gestaltung gemeinsam mit dem Tympanon nicht nur eine ikonographische Besonderheit, sondern auch einen schöpferischen Höhepunkt der chartreser Portalskulptur.

4.Ikonographie der Portale

4.1. Südportal - allgemeine Bemerkungen

Das Märtyrer- und das Bekennerportal sind ebenso wie das sich auf der Nordseite des Querhauses befindliche Hiob – Salomo – Portal ohne direkte Vorbilder in der Portalgestaltung.Der im Zentrum des südlichen Querhausportals thronende Christus ist mit dem Gefolge der himmlischen Chöre dargestellt. Engel in den Archivolten, im Gewände die Apostel, Märtyrer und Bekenner in den Tympana und Archivolten der beiden Seitenportale, und Mari,a die hier stellvertretend für die heiligen Jungfrauen steht, flankieren den Weltenrichter am Tag des jüngsten Gerichts. Die Seitenportale sind in diesem Sinn Teile des Weltgerichts. Ihre Verbindung untereinander ergibt sich noch aus einem weiteren Gedanken: dem Fortwirken der Worte Jesu. Die erstmals in Chartres im Gewände eines Portals stehenden Jünger verbreiten die Worte Jesu als die dazu direkt von ihm Beauftragten nach seinem Tod. Die zur Zeit der Christenverfolgung lebenden Märtyrer stehen zu den Worten Jesu und dem Christentum angesichts des eigenen Todes und den damit verbundenen Märtyrien. Und schließlich die Bekenner, die hier stellvertretend im Türsturz und Tympanon des rechten Seitenportals durch Martin und Nikolaus repräsentiert sind. Sie lassen die Worte Jesu nach der Zeit der Christenverfolgung durch ihr Handeln und ihre barmherzigen Taten Wirklichkeit werden. Somit ist innerhalb des Portalzyklus eine Verknüpfung geschaffen, die von den Leiden Jesu am Kreuz (die präsentierten Wundmale) über die Teilnahme am Leiden Christi durch das Leiden der Märtyrer bis zur Verwirklichung der Worte Jesu und der in der Apokalypse beschriebenen Szenen des jüngsten Gerichts (Jesus als Weltenrichter und Bekenner) reicht. Das mittlere Portal hat zwei Gottesfiguren zum Subjekt: einmal im Tympanon und ein zweites Mal am Trumeau, wobei der Charakter unterschiedlich ist: der Richter am Tag des jüngsten Gerichts und der, der den Eintretenden segnet.Der Gesamteindruck der Portalanlage ist symmetrisch, die Achse führt vom Kreuz im Zwickel des Tympanons über den thronenden Christus und den seelenwägenden Erzengel Michael im Türsturz bis zur Trumeaufigur.

4.2. Weltgericht

4.2.1       Tympanon

Die wie Jesus thronenden Maria und Johannes der Ev. als die Fürbitter flankieren den Weltenrichter, und sind auf diese Weise besonders in den Richterakt einbezogen. Durch die auf einer Ebene mit dem Richter stattfindende Fürbitte wird diese besonders betont. Der Akt des Richtens wird gleichermaßen von der Fürbitte begleitet. Im Kontext zur Entstehungszeit lässt sich die Betonung der Fürbitte als auf die potentielle Wiederaufnahme reuiger Häretiker in die Kirche verweisend, deuten.Maria als die erste der Märtyrerinnen, zu der sie durch ihr Leiden unter dem Kreuz Jesu geworden ist, schafft auf der (vom Betrachter aus gesehen) linken Seite von Jesus sitzend die ikonographische Korrespondenz zum Märtyrerportal. Die Fürbitter sind nicht durch die Mandorla wie in St. Denis von Christus getrennt. Die Mandorla ist hier in einer aus der Distanz zum Portal zu sehenden Linie abstrakt realisiert. Diese Linie wird aus der Verbindung von Michael, Maria und dem Kreuz über Christus und Johannes gebildet[10].Rechts und links von Maria bzw. Johannes und über Christus sind die Leidenswerkzeuge tragende Engel den Hauptfiguren des Tympanons beigestellt. In der Präsentation der Leidenswerkzeuge ist neben den vorgezeigten Wundmalen der Christusfigur nochmals ein Verweis auf die irdischen Leiden Christi zu sehen.

4.2.2       Sturz

In der Mitte des Türsturzes steht der Erzengel Michael, die Seelen der Verdammten und Erlösten wägend, links die Erlösten, rechts die Verdammten, die dem aufgesperrten Höllenschlund entgegenziehen. Interessant ist hier die eine Kappe tragende Figur. Durch sie lässt sich ein figürlicher Bezug auf das am Nordportal genau gegenüberliegende Hiob – Salomo – Portal herstellen. Die Figur trägt die gleiche Kappe wie einer der als Häretiker interpretierten Freunde Hiobs.

4.2.3       Archivolten

Die Archivolten zeigen in fünf Reihen die Chöre der Engel. Im ersten Register sind links die Seligen, der Eingang ins Paradies und der Schoß Abrahams, rechts die Verdammten zu sehen. Im zweiten Register, auf Höhe der Fürbitter, befinden sich sowohl links als auch rechts eine Reihe der Auferstehenden.

SM Tympanon, Sturz, Archivolten

4.2.4       Gewände

Erstmals sind in Chartres die Apostelfiguren nicht im Tympanon oder Sturz des Portals dargestellt, sondern als Gewändefiguren. Die Apostel mit den Märtyrerprädikaten stehen auf Sockeln mit Hinweisen auf Szenen aus deren Leben.Linke Seite von links nach rechts:

SM Gewände links

Rechte Seite von links nach rechts:

SM Gewände rechts

4.2.5       Trumeau

Die Trumeaufigur zeigt den segnenden und das Buch tragenden Christus. Sein Standort am Eingang zur Kirche verweist auf Joh. 10,9: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, der wird gerettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ Die Christusfigur tritt dem Betrachter mit Ruhe und Würde, als die Verkörperung der Gewissheit der sieghaften Kirche entgegen. Seine Kopfhaltung ist die gleiche wie die des Richters im Tympanon.

4.3. Märtyrerportal

Im Zentrum und für das linke Südportal namensgebend, steht Stephanus als Erzmärtyrer. Sein Leben und Märtyrium wird im Neuen Testament (NT) in der Apostelgeschichte berichtet (Apg 6-7). Stephanus steht in unmittelbarer Nachfolge Christi durch die Worte, die er seinen Peinigern entgegenhielt: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“ (Apg 7, 60) und deren deutlichen Bezug zu dem, was Jesus am Kreuz sagt: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ (Lk 23, 34). Die durch das Leiden für das Christentum geschaffene Verbindung zum Weltgerichtsportal wird hier nochmals deutlich.

4.3.1       Tympanon und Sturz

Im Tympanon des Märtyrerportals steht Christus als Erhöhter, mit Nimbus und von Engeln flankiert. Der Bezug zwischen dem auf dem Sturz knieend dargestellten Stephanus während seiner Steinigung und Christus stellt sich wiederum aus dem Text des NT her, wonach Stephanus im Angesicht des Todes sagt: „Siehe ich schaue den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7, 55).Von links betrachtet erzählt die erste Figurenreihe der Bogenläufe die Stephanusgeschichte über den Sturz hinweg zu den rechten Bogenläufen: Stephanus legt den Gelehrten seinen Glauben dar, die Steinigung ist auf dem Sturz dargestellt und rechts in dem ersten Archivoltenregister steht Saulus (Paulus) und bewacht die Kleider der Peiniger.

SL Tympanon, Sturz

4.3.2       Archivolten

In der 2. Reihe der Archivolten sind die unschuldigen Kinder dargestellt, die durch den Kindermord von Bethlehem als die Märtyrer per excellance gelten. Im Scheitel der Archivolten steht das geopferte Lamm, darunter die Märtyrer als die Erwählten der Apokalypse, die ihre Kleider mit dem Blut des Lammes gereinigt haben. Weitere Archivoltenfiguren sind Märtyrer, mit Nimbus und Palmzweig, dem typischen Märtyrersymbol, dargestellt. In den Vorhallenarchivolten stehen die klugen und törichten Jungfrauen, die wiederum als Gleichnis für das jüngste Gericht (kluge Jungfrauen = Selige, törichte Jungfrauen = Verdammte) stehen und nochmals einen ikonographischen Bezug zum Mittelportal herstellen.

4.3.3       Gewände

Am Gewände des Märtyrerportals steht nochmals Stephanus, umgeben von weiteren Märtyrern. Auf der linken Seite von außen stehen:ein Soldatenheiliger (Theodor oder Roland), Stephanus, Clemens, Laurentius.Rechts von innen beginnend stehen Vinzenz, Dionysius, Piatus (dessen Grablege sich in Chartres befindet) sowie Georg.

4.4 Bekennerportal

Das ikonographische Generalthema des rechten Portals am Südquerhaus ist das Wirken der Bekenner in der Zeit nach der Christenverfolgung , die Verkündigung und Verwirklichung des Wortes Christi durch das Wirken der Bekenner in den Taten der Nächstenliebe. Die tätige Nächstenliebe geschieht im Angesicht Jesu, der im Tympanon steht. Die Verbindung auf das zentrale Weltgerichtsthema entsteht durch die Anrechnung der guten Taten an einem Geringeren zum Tag des Jüngsten Gerichts (Mt. 25, 33-41).

 

4.4.1       Tympanon und Sturz

Im Scheitel des Tympanons steht die Halbfigur Christi, bekleidet mit einem Mantel. Der Legende nach ist Christus als Traumerscheinung zu Martin gekommen, nachdem dieser seinen Mantel mit einem Bedürftigem geteilt hat.Der Sturz ist vertikal geteilt, in seiner linken Abteilung ist die Martinslegende und auf der rechten Seite die des Heiligen Nicolaus dargestellt. Es stehen jeweils zwei Darstellungen übereinander, die von unten nach oben zu lesen sind. Links unten teilt Martin seinen Mantel und darüber ist er schlafend dargestellt, der im Tympanon stehende Christus erscheint ihm im Traum. Problematisch ist die doppelte Darstellung Martins als Schlafender, wofür es keine Erklärung gibt.Rechts unten verteilt Nicolaus Almosen an den verarmten Vater und dessen Töchter, bleibt dabei aber für diese „unsichtbar“ hinter einem Paravent. Darüber laben sich Kranke und Krüppel an den vom Sarkophag Nicolaus ausströmenden heilenden Kräften.

SR Tympanon und Sturz

4.4.2       Archivolten

Im ersten Register ist die Ägidiuslegende dargestellt und in den oberen Registern stehen ausgewählte Bekenner.

4.4.3       Gewände

Die Gewändestatuen des Portals sind weitere Bekenner. Das sowohl Nikolaus als auch Martin nochmals in Erscheinung treten, ist ein Hinweis auf deren herausragende Bedeutung als Bekenner und Heilige.Links von außen gesehen stehen
und rechts von innen stehen:

4.5. Nordportal - allgemeine Bemerkungen

Im Gegensatz zum ikonographisch konsistenteren und leichter zu lesenden Südportal wirkt das Nordportal wesentlich heterogener. Die Ursachen für diese Besonderheiten liegen in dem am Hiob – Salomo – Portal offensichtlich werdenden Planwechsel. Aus diesem Grund ist die Betrachtung des Hiob – Salomo – Portals für die Klärung der Zusammenhänge und Verbindungen sowohl der drei Nordportale untereinander als auch der Verbindung zwischen den Programmen der Nord- und Südquerhausportale wesentlich. Ich werde mich bei der vorangestellten Darstellung der Ikonographie der beiden anderen Portale – Marientriumph- und Epiphanieportal – auf die Figurenbeschreibung und die Darstellung der ikonographischen Figurenbeziehungen beschränken und dem Hiob – Salomo – Portal einen größeren Umfang bei der Erörterung des ikonographischen Programms einräumen.

4.6 Marientriumph

Das Generalthema des mittleren Nordportals ist die Gottesmutter Maria und die Darstellung von Themen aus ihrem Leben. Insbesondere durch die Gewändefiguren des Portals werden typologisch auf vielfältige Weise Verbindungen zwischen Altem und Neuem Testament sowie zwischen christologischen und mariologischen Themen hergestellt.

4.6.1       Tympanon

Im Tympanon des Marientriumphportals thronen Maria und Jesus unter einem Baldachin, flankiert von Engeln. Christus segnet die bekrönte Maria, mit der anderen Hand hält er das präsentierte Buch auf seinem Knie.

4.6.2       Sturz

Im durch eine Säule zweigeteilten Sturz finden sich zwei weitere Marienszenen, rechts Maria Himmelfahrt und links Maria Tod, mit dem an ihrem Lager stehenden Christus und seinen Jüngern.

4.6.3       Archivolten

Die Archivolten zeigen Engel, die Wurzel Jesse, Propheten und andere alttestamentarische Figuren, die auf die Vorfahren Christi verweisen.

NM Tympanon, Sturz, Archivolten

4.6.4       Vorhallenarchivolte

Die Vorhallenarchivolten zeigen in zwei Reihen die Schöpfungsgeschichte. Dabei wird die Gegenwart Gottes, des Schöpfers, durch die Parallelstellung von Gottesfigur am äußeren Bogenlauf zu dem konkret dargestellten Schöpfungsvorgängen zum Thema der gesamten Vorhallenarchivolte. Von links unten zur Bogenspitze sind paarweise zu sehende Darstellungen der Erschaffung
und darauf folgend nach rechts unten die Geschichte Adams und Evas mit

4.6.5       Gewände

Im Gewände des zentralen Portals am Nordquerhaus stehen Könige, Patriarchen, Propheten und neutestamentarische Figuren, die auf des Leben Christi verweisen oder als Prototypen Christi gelten.Linke( östliche) Seite von links nach rechts:
Rechte Seite von links nach rechts:

NM Gewändefiguren rechts

4.7. Epiphanieportal

In Korrespondenz zum Maria - Triumph – Portal ist hier die Epiphanie im Mittelpunkt der Darstellung zu sehen und die heiligen drei Könige werden in der Darstellung im Tympanon zu Handlungsträgern. Die Verbindung zum Mittelportal stellt sich durch die das Jesuskind präsentierende Maria dar. Hier findet die ikonographische Verbindung zwischen christologischen und mariologischen Elementen in der Portalskulptur sowohl innerhalb des Tympanons als auch zwischen Mittel- und Ostportal am Nordquerhaus statt.Von der Ausführung her wirken die Figuren des Epiphanieportals nach Büchsels Feststellung[11] eher unfertig oder schematisch, jedoch sind auch herausragend gestaltete Figuren an dem Portal zu finden. Das führt Büchsel auf den Zeitdruck bei der Herstellung des Portals zurück, wobei es zu einer Mischung von schon fertiggestellten mit schnell gehauenen Figuren gekommen sein muss. Dieser Zeitdruck entstand nach seinen Überlegungen auf Grund des Planwechsels beim Bau der Querhausportale. Gleiches stellt Büchsel auch für die Figuren des Weltgerichts auf der Südseite fest.

NL Tympanon und Sturz

 

4.7.1       Tympanon

Hier sind die Anbetung Christi durch die drei Könige und deren Traum, in dem sie vor der Rückkehr zu Herodes gewarnt werden, sowie die thronende Maria mit dem Kind abgebildet.

4.7.2       Sturz

Auf dem vertikal geteilten Sturz ist links die Geburt Jesu und rechts die Weissagung an die Hirten zu sehen.

4.7.3       Archivolten

In den Archivolten stehen die Klugen und die Törichten Jungfrauen, Engel, Selige, Tugenden und Laster.

4.7.4       Gewände

Die Gewändefiguren sind von links begonnen:Jesaja, gefolgt von der Verkündigung an Maria. Der Engel hat den Redegestus und Maria trägt ein Buch. Rechts im Gewände ist die Heimsuchung Marias (Lk. 1, 39-56) mit Daniel zu sehen. Daniel ist einer der vier großen Propheten des Alten Testaments und die Szene von Daniel in der Löwengrube steht typologisch für die Geburt und die Auferstehung Christi.

NL Gewändefiguren links NL Gewändefiguren rechts

4.8. Hiob - Salomo - Portal

Das gesamta Nordportal kann als Ausdruck der Spannungen innerhalb der Kirche zu Beginn des 13. Jh. gesehen werden. Diese Spannungen findet am Hiob – Salomo – Portal in Chartres ihren Kulminationspunkt und somit wird die Interpretation des Hiob – Salomo – Portals als Schlüssel für die Gesamtinterpretation des Nordportals gesehen.Die Entstehungszeit des Portals liegt um 1220 und es wird wegen der Parallelen der Skulpturengestaltung am Johannesportal in Sens einer von dort kommenden Werkstatt zugeschrieben. Das lebendige Relief des Tympanons mit seinen raumgreifenden, ausdrucksstark und plastisch geformten Figuren, mit seiner aus der Bedrängung Hiobs durch die falschen Freunde und Satan entstehenden Dynamik, wird nicht nur interpretatorischer Schlüssel, sondern ist auch gestalterischer Höhepunkt der chartreser Querhausportale. Hiob steht typologisch als Bild für die Leiden Christi und dessen endgültigen Triumph. Salomo gilt als Bild der ewigen Weisheit und als Prototyp Christi. Das Leiden Hiobs wird in diesem Sinn seit dem Hiobskommentar Gregors des Großen verstanden, völlig neu ist in der chartreser Darstellung das Auftreten des Widersachers, des Teufels im Tympanon. Hier fechten Gott und Teufel den Streit um Hiob personifiziert im Bogenfeld miteinander aus.Die Darstellung der vom Hohn unberührbaren göttlichen Macht und der Unantastbarkeit göttlichen Urteils, ausgedrückt durch die Gelassenheit des Gottesbildes gegenüber Salomons Verhöhnung, weist auf den Sieg der Kirche innerhalb der am Beginn des 13. Jh. stattfindenden Auseinandersetzung mit den vom allgemeingültigen Glauben abweichenden Häresien hin. Gemeinsam mit der Weisheit des göttlichen Urteils, im Sturz des Portals durch das salomonische Urteil dargestellt, wird so das Thema des Portals gebildet: der Sieg der Ecclesia militans über ihre Gegner. Dieses Thema ist dann auf der Südseite, beispielsweise im Beau Dieu der Trumeaufigur wieder aufgenommen und reflektiert. Dort steht mit Jesus die sieghafte Kirche, die den Eintretenden segnet, gelassen das Buch präsentierend und so auf die Basis der Lehren und Glaubensauslegungen verweisend. Er ist die Darstellung der Gewissheit des göttlichen Heilsplans.

NR Tympanon, Sturz und Archivolten

4.8.1       Tympanon

Im Zentrum des Tympanons steht die Verhöhnung Hiobs durch seine drei falschen Freunde und seine lamentierende Frau, die gegen den Dulder und den Richter eifert. Der Teufel beugt sich vereinnahmend über Hiob und streckt dem Gott über ihm zum Hohn die Zunge heraus.Die drei Freunde werden als die höhnischen, verächtlich intellektuellen Übeltäter interpretiert, als die Häretiker schlechthin. Der die Kappe tragende falsche Freund Hiobs hat sein Pendant im Märtyrerportal auf der linken Sturzseite und im sich zurückwendenden Verdammten im Sturz des Weltgerichts. Einer der Freunde scheint die Hand Satans zu berühren und ihm somit besonders nahe zu stehen.

4.8.2       Sturz

Im Sturz ist das salomonische Urteil zu sehen. Die räumlich gefasste Szene mit der Vollstreckung des Urteils und dem Kind steht in der Mitte des Sturzes, links sitzt Salomo auf seinem Thron, rechts stehen die guten und schlechten Ratgeber. Bei den schlechten Ratgebern lassen sich die gleichen Kopfhaltungen wie bei den falschen Freunden Hiobs erkennen, die Stirnfalten laufen quer, wie bei der mit der Synagoge identifizierten falschen Mutter. Die falschen Ratgeber haben würdelose Haltungen und fast monströse Gesichtszüge. In Korrespondenz mit den schlechten Ratgebern kann man die falschen Freunde im Tympanon sehen. Im Gegensatz dazu korrespondiert der ganz rechts außen stehende einzige gute Ratgeber mit Salomon, er sitzt in würdiger Haltung am äußeren Rand der Urteilsszene.Die falsche Mutter, mit der Synagoge identifiziert, steht hier für die Ungläubigen, Verworfenen und die Häretiker. Die wahre Mutter wird im salomonischen Urteil präfigurierend mit der Kirche (Ecclesia) gleichgesetzt, während die Synagoge verstoßen wird. Die Vollstreckung des Urteils vollzieht sich in der Mitte des Sturzes, so wie sich für den Sturz und den Tympanon eine übergreifende, dynamische Mittelachse beschreiben lässt. Die Armhaltung Ecclesias weist auf Gott im Zwickel des Bogenfeldes. In den Händen hielt die Figur Gottes vor der Zerstörung wohl den Stab, der gebrochen wird. Darunter findet der Kampf um Hiob statt, das Haupt Hiobs liegt wiederum auf der Mittelachse unter dem Gottesbild und über der Urteilsszene.

4.8.3       Archivolten

Die Symmetrie der Engelfiguren in der innersten Archivolte gilt als Ausdruck der göttlichen Gleichheit. Weiter sind von innen nach außen die Mission Simeons und Gideons, die Esther- und Judith Geschichte, sowie ganz außen die Tobit - Tobias Geschichte dargestellt.

4.8.4       Gewände

Im linken Gewände stehen von links Bileam, die Königin von Saba und Salomo. Bileam ist typologisch die traditionell mit dem Paar Königin von Saba und Salomo verstandene Figur. Bileam weissagt den Hinweis auf die Menschwerdung Christi, „Es wird ein Stern ausgehen von Jakob“ (4. Mos. 22-24). Sabas Huldigung an Salomo wird als Verweis auf die Anbetung Jesu durch die drei Könige typologisch interpretiert. Auf der rechten Seite des Gewändes stehen von links Hesekiel, Judith und Joseph.Judith ist szenisch zur Königin von Saba angeordnet. Sie gilt als Prototyp von Maria und Ecclesia. Außerdem wird sie die Retterin der Stadt Bethulia, indem sie dem trunkenen Holofernes das Haupt abschlägt und durch die zur Schaustellung desselben die Belagerer in die Flucht zwingt.Der dritte der vier großen Propheten, Hesekiel, steht durch seine Vision vom verschlossenen Tor, (Hes. 44,1) die als Mariensymbol gilt, konzeptionell innerhalb der Gewändefiguren. Kompositorisch ist er durch die Korrespondenz mit den Falten des Judithgewands in die Reihe der Gewändefiguren eingebunden.Joseph als Gemahl der Maria bildet den Abschluss der Gewändefiguren an der rechten Seite des Hiob – Salomo – Portals.

NR Gewändefiguren links NR Gewändefiguren rechts

5. Schlussbemerkung

Typologisch stehen sowohl Salomon als auch Hiob ohne das neutestamentarische Gegenstück innerhalb des Nordportals. Jedoch hilft das Gottesbild im Tympanon, das Portal als einen sich selbst zu erklärenden Typus zu deuten: Die Verbindung von Göttlichem und Irdisch – Menschlichem, von Gericht, Urteil und Erduldung ist nach Büchsels Ausführungen[12] der Schlüssel für das Verständnis des Hiob – Salomo – Portals. Die drei Zonen des Portals vom Sturz aus zum Zwickel des Tympanons betrachtet, zeigen die Abfolge von Divinitas, Humanitas Dei und Ecclesia, oder eben von Gericht, Kreuzigung und Parusie. Die Parallele zur Südfassade wird deutlich, dem eben beschriebenem Programm des Hiob – Salomo – Portals steht die Verknüpfung von Kreuzigung durch den die Wundmale zeigenden Christus und Urteil im Weltgerichtsportal gegenüber. Das Portal zeigt noch zwei andere Parallelen zum Weltgericht:

Durch die Gewändefiguren und deren typologische Interpretation sind auch die Verbindungen des Hiob – Salomo – Portals zu den beiden anderen Nordportalen geschaffen. Diese Verbindungen werden vor allem durch die mariologischen Verweise hergestellt. Die christologischen Zusammenhänge lassen sich eher am Tympanon nachweisen. Somit ist das in seiner Gesamtstruktur gegenüber den Südportal viel schwieriger und inkonsistenter wirkenden Nordportal durch die typologische Interpretation und das damit verbundene Herstellen der konzeptionellen Zusammenhänge sowohl der einzelnen Portale am Nordquerhaus untereinander, als auch der bestehenden Verbindungen zwischen Nord- und Südquerhaus erklärt.Dabei nicht zu vergessen ist, dass die Interpretation in sich schlüssig sein mag, sie was die tatsächlichen Vorgänge während des Planwechsels anbelangt, jedoch Spekulation bleibt. Insbesondere Büchsels Beitrag zur Rekonstruktion der Baugeschichte des Querhauses stützt sich maßgeblich auf die ikonographische Interpretation und kommt so zu einem schlüssigen Ergebnis. Im Gegensatz dazu hat van der Meulen einen kriminologisch anmutenden Indizienbeweis für seine Theorie erbracht, der mit offensichtlichen Spekulationen angereichert ist. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die Auseinandersetzungen mit den Querhausportalen in Chartres, ohne den tatsächlichen Grund für den Planwechsel und die damit verbundenen Auswirkungen auf Konzeption und Gestaltung der Querhausportale herausfinden zu können.In der neuesten Veröffentlichung zur Kathedrale von Chartres[13], wird auf einen ganz anderen, viel pragmatischer wirkenden Aspekt im Zusammenhang mit der endgültigen Gestaltung der Portalprogramme verwiesen. Demnach sind die Programme vor dem Zeitpunkt der endgültigen Montage zwar konzipiert und dementsprechend gestaltet worden, aber es blieb immer noch die Möglichkeit, das bereits Geschaffene neu zu kombinieren und wenn nötig, auch nochmals umzuarbeiten, um die Plastik den neuen Erfordernissen - sowohl baulicher als auch konzeptioneller Art - anzupassen.Dieser pragmatische Aspekt, den in anderem Zusammenhang auch Kimpel und Sukale[14] betonen, führt auch nicht zur Klärung der Rätsel um den Planwechsel in Chartres, aber er vereinfacht möglicherweise die Begründung ungeklärter Details.Die Unterordnung der Interpretation der Portalprogramme unter eine als Metaebene fungierende Idee hat den Erfolg der interpretatorischen Konsistenz und die Transparenz der ideellen Gehalte. Jedoch setzt sie einen für heutige Denkweisen ungewöhnlichen Grad an Abstraktion bei der Gestaltung und dem Verständnis der Portale voraus. Das Ungewohnte resultiert meiner Meinung nach aus dem Unbekannten.Somit scheint es mir sinnvoll, neben der interpretatorischen Metaebene, dem Nachvollziehen des ideellen Überbaus, einen weiteren Aspekt nicht unterzubewerten: den der Alltagspraxis am Beginn des 13. Jahrhunderts. Ganz pragmatisch ist vorstellbar, das sich auf Grund des für den mittelalterlichen Kirchenbesucher präsenten liturgischen und biblischen Hintergrundwissens die Frage nach (möglicherweise mühseliger) Interpretation gar nicht stellte. Für den mittelalterlichen Kirchenbesucher war der Eintritt in die Kirche selbstverständlicher Teil des Alltagslebens. Ist nicht sinnvollerweise anzunehmen, dass die theologischen und ideologischen Inhalte der Portalskulpturen zum Alltagsverständnis gehörten, dass das Wissen um die typologischen Zusammenhänge der dargestellten Figuren zu einem wesentlichen Teil Alltagswissen gewesen ist, das selbstverständlich erworben wurde, über das selbstverständlich verfügt wurde und das als solches keiner außerordentlichen Erörterung bedurfte?Die Aussage, das „Storyboard“ und die Metapher der Portalprogramme mögen klar gewesen sein oder sich für den die Kirche durch das Portal betretenden Pilger oder das städtische Gemeindemitglied gar nicht gestellt haben. Die Kirche war ideelles Zentrum und zugleich Fixpunkt des Alltagslebens, der sich bis heute vollständig gewandelt hat. Im praktischen Vollzug hat sich die „Botschaft“ der Portalprogramme zu bewähren gehabt und hatte eine Funktion inne, die sich bis heute vollkommen verändert hat und von anderen Medien übernommen wurde. Durch das Kirchenportal wurde auf die Macht der Kirche und des Glaubens verwiesen, wurde die Gewissheit des göttlichen Heilsplans über die Liturgie hinaus dauerhaft an der Außenseite der Kirche präsent, für jeden jederzeit „nachlesbar“.Wäre es also nicht denkbar, dass der Grund für den Planwechsel ein ganz pragmatischer war? Die Innovation bei der Gestaltung des Hiob – Salomo – Portals duch die in ihm enthaltenen Ideen, die Verweise und das im Portal klar enthaltene typologische Programm sind so außerordentlich, daß möglicherweise die Idee selber der Anlass für die Planänderung gewesen sein könnte. Der Konjunktiv steht hier bewußt, ist dieser Erklärungsversuch am Ende doch nur eine weitere Spekulation von mir. 

Dresden, im November 2001

 


6 Literaturverzeichnis

6.1. Verwendete Literatur

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[1] Büchsel, M. (1995)

[2] Male, E. (1958)

[3] Sauer, J. (1964) [Fußnote Nr 1 im Original]

[4] Büchsel, M. (1995) S 183

[5] Kimpel, D.; Sukale R.; Hirmer, A. (1985) S 235ff

[6] Kimpel, D.; Sukale R.; Hirmer, A. (1985); Sauerländer W. (1970), (1990); Büchsel, M. (1995)

[7] Meulen, J. van der; Hohmeyer J. (1984)

[8] Büchsel 1995 S 124

[9] Büchsel 1995 S 125

[10] Büchsel, M. (1995) S 19

[11] Büchsel, M. (1995) S 32 ff

[12] Büchsel, M. (1995) S 58 ff

[13] Kurmann – Schwarz, B. (2001)

[14] aaO


Die Abbildungen sind den Bänden Büchsel, M. Die Skulptur des Querhauses der Kathedrale von Chartres. Berlin 1995 und Gotik. Architektur, Skulptur, Malerei. Koennemann 1998 (Ohne Autor oder Herausgeber) Köln entnommen. Sämtliche Rechte daran werden anerkannt. Die Vervielfälitgung erfolgte ohne kommerzielle Interessen und unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zur Illustration dieses Dokuments.


Letzte Aktualisierung: 10.12. 2001

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