Probleme beim Erfassen des Begriffs "Das Böse" im literarischen Kunstwerk

 


Das Böse zu erörtern heißt Theorien aufzustellen: Woher kommt das Böse, wie wirkt es,  was  schränkt   es  ein? Diskussionen  über das Böse sind notwendigerweise abstrakt. Doch man muss sich immer die zugrundeliegende Realität vor Augen halten – die wirkliche Erfahrung wirklichen Leids.

J.B. Russel 2000 S 15



Inhaltsverzeichnis

 

1 Die Schwierigkeit, das Böse gedanklich zu fassen. 5

2 Der Begriff des Bösen. 9

3 Woher das Böse?. 12

4 Das böse Kunstwerk. 17

5 Literaturverzeichnis. 25

 

 

1 Die Schwierigkeit, das Böse gedanklich zu fassen

Die Erscheinungen des Bösen sind vielfältig: im 20. Jahrhundert der Holocaust, die faschistischen Konzentrationslager und die stalinistischen Gulags, am Anfang dieses Jahrtausends die terroristische Zerstörung des World Trade Centers (WTC) in New York.  Über das Entsetzen hinweg, was diese Ereignisse auslösen, bietet die philosophische Auseinandersetzung mit ihnen das Angebot, eine Erklärung zu finden und so wenigstens theoretische Bewältigung zu ermöglichen. Das bedeutet aber, das Böse in den Bezug zum Guten zu bringen.
In seinem Aufsatz „Das Böse. Vom ethischen zum metaphysischen Diskurs“ befasst sich Helmut  Holzhey [1] zunächst mit dem gedanklichen Erfassen des Bösen und den damit verbundenen Schwierigkeiten.
Die erste Schwierigkeit sieht er in der Tabuisierung des Bösen. Die Ursachen für das Tabu führt er auf das Misslingen des erwähnten Versuchs zurück, das Böse in Bezug zum Guten zu setzen: Ist die Realität des Bösen so überwältigend, dass das Knüpfen der Verbindung Böse – Gut nicht gelingt und das Böse übermächtig wird, bieten sich lediglich zwei Alternativen: entweder das Wegsehen oder die Haltung der Verweigerung in dem Sinne, nichts mit der Angelegenheit zu tun zu haben. Beides bedeutet die thematische Ausgrenzung, bewusstes oder unbewusstes Ausblenden des Faktischen und in der Folge die Errichtung eines Tabus.
Holzhey meint in Deutschland eine Tabuisierung der Frage nach dem Bösen auszumachen und beruft sich dabei auf den Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer [2] . Der vertritt die These, dass es angesichts des faschistischen Grauens in Deutschland während der Nachkriegszeit die Diskussion über das Böse tabuisiert wurde. Diese Haltung ist radikal, weil in ihr die Behauptung enthalten ist, das jeglicher Verarbeitungsversuche des Faschismus gescheitert sind.
Einher mit dem Tabu geht der Ausschluss desjenigen aus der Gesellschaft, der das Tabu bricht.  Auch dafür führt Holzhey ein Beispiel an: die Verhaftung Sades wegen seiner Ausschweifungen unter dem Ancien Régime und dessen nochmalige spätere Verhaftung wegen seiner Bücher. [3]
Die Belege lassen sich in der Gegenwart ebenso finden: wer die Frage nach dem Sinn der Terroranschläge auf das WTC stellte, oder sie gar in einen anderen Kontext brachte, den traf der gesellschaftliche Bann, die Ausstoßung [4] . Praktisch war das der Vorwurf des Antiamerikanismus oder der öffentliche Widerruf von Äußerungen, die im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York getätigt worden waren. Nachdem massenmedial vermittelt, ein kollektiver Aufschrei der Empörung durch die Öffentlichkeit gegangen war, folgte der wiederum öffentliche Widerruf [5] .
Die nächste Schwierigkeit - nach der Tabuisierung und der damit verbundenen gesellschaftlichen Ächtung als Strafe für den Tabubruch – bei der gedanklichen Erfassung des Bösen sieht Holzhey in den Texten selber, die sich mit dem Gegenstand befassen.
Zunächst führt er Texte an, die in den Bereich der der künstlerischen Imagination führen. Holzhey [6] findet wiederum bei Bohrer die Definition des bösen Textes. Dieser ist geprägt vom Mangel an allegorischen Strukturen bei der Darstellung von Sadismen und der daraus resultierenden Unverständlichkeit des dargestellten Bösen, was beim Rezipienten lediglich den Schock hinterlässt. [7] Für mich stellt sich die Frage, ob die Wirkung dieser Texte dabei bleibt, oder ob nicht auf den Schock zwangsläufig Aktivität in unterschiedlichen Formen folgt. Entweder folgt auf den Schock geistige Aktivität in Form von Reflexion. Oder diese bleibt aus und der Versuch, den Schock zu verarbeiten findet nicht statt. Sind dann nicht wieder mindestens zwei andere Folgen auszumachen? Einerseits die Tabuisierung – im praktischen Vollzug wird der Text nicht mehr  weiter rezipiert  werden – andererseits ein privater Lustgewinn, der wohl meistens harmlos ist und somit einem Zweck dient,  wenn der auch außerhalb der allgemeinen Norm steht. In jedem Fall scheint mir aber das Gute wieder mit dem bösen Text verbunden. Reflektion, Lustgewinn und bei der Verweigerung der bewusste Entschluss, der aktive Akt der Verweigerung stehen im Zusammenhang mit dem bösen literarischen Text, mag sein Inhalt noch so schockierend sein. Wie der böse Text als Kunstwerk nicht allein steht, bedarf er als guten Gegenpart doch zumindest des Rezipienten. Für Holzhey stellt sich die Frage auf den philosophischen Text angewendet: „Gibt es den bösen Traktat, in dem das thematische Böse nicht ethisch, geschichtsphilosophisch oder schöpfungstheologisch ein- und aufgefangen, also vom Guten gewissermaßen umgarnt wird? Und falls tatsächlich auf eine solche inhaltliche Verarbeitung verzichtet wäre, hätte das reine Böse der <guten Form halber>, also angesichts der Ordnung des Traktats, das dank seiner Ordnung <guten Traktats> eine Chance?“ [8]
Das Böse ist im Zusammenhang mit dem literarischen oder philosophischen Text nicht ohne das Gute zu denken. Um zu schreiben bedarf es der syntaktischen und narrativen Struktur, die vom Autor beherrscht und angewendet werden muss, will er sich verständlich machen. Somit muss das Gute in Form der Syntax und der Struktur in Texten vorhanden sein.
Noch immer unter der Kapitelüberschrift „Schwierigkeiten einer Theorie des Bösen“ macht Holzhey einen dritten Aspekt bei der Auseinandersetzung mit dem Bösen aus: das Teuflische. Die Tatsache, dass für den, der über das Böse spricht, auch der Böse nicht allzufern sein kann, [9] führt Holzhey unter der Rubrik ’Schwierigkeiten’ an, findet hier aber einmal einen Fixpunkt in der Auseinandersetzung mit dem Bösen. Ist hier das Böse wieder in den Text gekommen, in dem es am Punkt der Identifikation, wenn das Böse endlich einmal fassbar zu werden scheint, als Schwierigkeit benannt wird? Hier hat das Böse gewissermaßen den Autoren eingeholt, sich in Form der falschen Zuordnung in den Text geschlichen.
Teufelswerk wird mit Vernichtung in Zusammenhang gebracht, und damit bekommt das Böse für Holzhey „... eine Spur für die Annäherung an das, was wir das <<das Böse>> nennen...“ [10]
Im Teufelswerk der Vernichtung und Zerstörung sieht er die Möglichkeit, das Böse konkret zu fassen, die Rede vom Bösen zu vergegenständlichen. Das Böse in seinen allgemeinen Dimensionen als das Resistente gegenüber der Ordnung, als das Chaos, als das sich der Erklärung entziehende, als das grund- und motivlose Zerstörerische ist auch Attribut des Teuflischen.
Zusammenfassend kommt Holzhey am Ende seiner Einleitung zu der Feststellung, dass der Versuch, das  Böse zu fassen, zu thematisieren oder es erklären zu wollen, „Verstörungen“ [11] mit sich bringt.  Er führt Ernst Jünger an, der in diesen Verstörungen ein Problem der modernen Zivilisation sieht, weil in ihr das Böse aus den alltäglichen Wahrnehmungen ausgeblendet wird. Betont offen lässt Holzhey die Frage, ob es das böse Kunstwerk tatsächlich gibt, oder ob so etwas wie eine böse Vernunft existiert. Wichtig ist ihm aber die Feststellung, dass die Frage nach dem Bösen bei allen damit verbundenen Schwierigkeiten gestellt und nicht vorschnell beantwortet wird. „Vielleicht ist auch nur noch die Frage der Ort, an dem die Strittigkeit von Gut und Böse zur Sprache gebracht werden kann, nachdem mit dem Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee gerechnet werden muss.“ [12]

2 Der Begriff des Bösen

Das Böse, das dem Guten entgegengesetzte, das dem Sittengesetz Höhnende, ist das schlichtweg Verwerfliche. Es gilt als die Ursache von Leid und Unglück in der Welt und führt als Inhalt des Willens zu Schuld und religiöser Sünde. In der Tradition der Metaphysik hat das Böse keine Eigenwirklichkeit, sondern wird als Abweichung bzw. Abkehr vom Guten, als Beraubung und Mangel an Seinsfülle verstanden. In religiös – dualistischen Systemen entspringt das Böse dem gleichen Ursprung wie das Gute, mit dem es in ewigem Kampf liegt.  Das Judentum und das Christentum erklären das Böse aus dem menschlichen Urtrieb, selbst Gott sein zu wollen. Als Beleg dafür wird der Sündenfall und die daraus resultierende Erbsündenlehre angeführt. Nach der hinduistischen Lehre ist das Böse nicht wirklich vorhanden, sondern Teil der illusorischen Welt der Erscheinungen. Die antike persische Religion des Zoroastrismus und der Manichäismus führen das Böse auf die Existenz einer bösen Gottheit zurück, gegen die der Gegenpart des guten Gottes kämpfen muss.
Die Frage, wie das Böse in die Welt gekommen ist, ist ein zentrales Problem für die Theologie und die Philosophie. Dass in einem Universum, das von einem höchsten Wesen, das sowohl gut als auch allmächtig ist, geschaffen wurde und verwaltet wird, das Böse existiert, erscheint als unglaublich. Bereits Epikur hat diese Problematik dahingehend auf den Punkt gebracht, dass Gott das Böse entweder verhindern könne, es aber nicht wolle (und daher nicht gut sei), oder dass er es verhindern wolle, aber nicht könne (und daher nicht allmächtig sei). Theistisches Denken versucht, dem durch eine solche Argumentation bedrängten Gott gegen den Vorwurf der Verursachung des Bösen dadurch zu entlasten, dass das Wesen des Bösen als „nichtseiend” bestimmt wird. Eine solche Argumentation findet sich beispielsweise im Platonismus, bei Augustinus und Thomas von Aquin.
Augustinus‘ Entwurf des Bösen ist ein ontologisch-metaphysischer. Das heißt, er geht von der Zuordnung alles Seienden auf Gott als das höchste Gute aus. Demzufolge ist für Augustinus das Böse im wesentlichen die menschliche „Gier nach Besitz und Genuss der Dinge und damit... [die] Verkehrung der gottgewollten Ordnung, die die Dinge als Mittel zu Gott hin, nicht zum Selbstgenuss bestimmte" [13] .
Nach Augustinus kann zudem dasjenige, das als böse erscheint, sich auf Dauer als gut erweisen – aus der ewigen Perspektive Gottes ist alles gut.
Im 17.Jahrhundert behauptete Gottfried Wilhelm Leibniz, dass Gottes Schöpfungsmacht auf die logisch möglichen Welten beschränkt und das Böse ein notwendiger Bestandteil selbst der besten aller möglichen Welten sei. In der Aufklärung wurden diese Behauptungen von den Skeptikern angegriffen. Sowohl Voltaire als auch David Hume lehnten den Gedanken ab, die große Menge an Schmerz und Leid im menschlichen Leben könnte dadurch gerechtfertigt sein, dass sie Teil eines gütigen göttlichen Planes sei. [14]
Heute wird bei der Erklärung des Bösen eher auf den psychologischen Entwurf zurückgegriffen, bei dem das Böse unter dem Begriff Aggression zusammengefasst wird. Darunter wird ein affekt- oder triebbedingtes Angriffsverhalten des Menschen verstanden. Die wissenschaftliche Theorie infraspezifischer Aggression beinhaltet die These, dass es sich bei Aggressionen um Fehlleitungen eines lebenswichtigen Instinkts handelt, der sein adäquates Ventil nicht findet. [15]
Aggression ist verknüpft mit dem enttäuschten Verlangen nach Gerechtigkeit, aber auch mit Angst im umfassenden Sinn. Die theologische Dimension wäre das Verständnis der Angst als eine Daseinsangst, welche die Sorge des Menschen um sich selbst meint. Diese Sorge beinhaltet aber auch mangelndes Vertrauen in das von Gott bestimmte Leben.
Eine andere Erklärungsebene für das Böse ist die soziologische. Nach diesem Entwurf tritt das Böse dem Menschen in Form von destruktiven, z.B. ungerechten gesellschaftlichen Strukturen entgegen. Diese sind zwar menschengemacht, wirken jedoch in ihrer großen Dimension wieder auf den Menschen zurück und fördern so das Böse im Menschen. [16]
Für Holzhey steht die Antwort auf die Frage nach der Wortbedeutung <böse> im Zusammenhang mit der Zuschreibung des Prädikats: „Wem oder was schreiben wir das Prädikat, böse zu sein, zu?“ Er gibt als Synonym für <böse> dem Prädikat <zerstörerisch> den Vorzug und tut dies zwangsläufig aus seiner eigenen vorangegangenen Argumentation, bei der er ja den fassbarsten Aspekt des Bösen in der Zerstörung ausgemacht hat. [17]
Gottfied Wilhelm Leibnitz kategorisiert das Übel (lat.: mal, malum) dreifach: erstens das metaphysische, zweitens das physische und drittens das  moralische Übel. Dabei besteht unter der ersten Kategorie das Übel aus der Unvollkommenheit, dem Seinsmangel. Der Seinsmangel wird bei Russel [18] als notwendiger Mangel an Perfektion beschrieben, der in jedem geschaffenen Kosmos existieren muss, weil kein Kosmos so vollendet sein kann, wie Gott es ist. Das physische Übel ist im Leiden charakterisiert, das von natürlichen Prozessen wie Krankheiten oder Naturkatastrophen verursacht wird. Die dritte Kategorie, das moralische Übel, wird heute nach Holzheys Meinung selbstverständlich mit dem Ausdruck <böse> verbunden und somit dem ethischen Diskurs eingeordnet. [19]
Russel weist darauf hin, dass sich moralisches und physisches Übel überschneiden können. [20] Beispielsweise könnte das Übel des Hungertodes eines Menschen aufgrund einer Naturkatastrophe sowohl dem moralischen als auch dem physischen Übel zugeschrieben werden. Physisch ist das Übel der Naturkatastrophe, moralisch ist es, weil das Leben durch eine nicht geleistete Spende nicht gerettet werden konnte.
Die Zuordnung des moralischen Übels zum ethischen Diskurs untermauert Holzhey mit Leibnitz, der böse Geschehnisse der Ordnung der Natur zuschreibt, dabei aber das böse Handeln und nicht Defekte der Schöpfung meint. Andererseits führt Holzhey Imanuel Kant an, bei dem das physische Übel, das auf den Empfindungszustand der Person bezogen ist, sich vom moralischen Übel, das mit aktiven Handlungen im Zusammenhang steht, unterscheidet. „<<Böse>> kann nicht eine Sache, sondern nur die << die Handlungsart, die Maxime des Willens und mithin die handelnde Person selbst >> genannt werden. Das moralische Übel hat damit jeden objektiven  Sachcharakter verloren, es kann nicht mehr die Seins- oder natürliche Ordnung betreffen und gefährden.“ [21]
Bedenke ich die Erfahrungen des Menschen mit dem Bösen, so wird die Ambivalenz des menschlichen Handelns klar. Der Mensch erfährt das Böse nicht nur in Neid, Hass, Eigennutz und Gleichgültigkeit, sondern auch als Wirkung von guten oder gutgemeinten Taten, weil das Handeln des Menschen in seiner Wirkung nicht voll kontrollierbar oder vorhersehbar ist. Eine gut gemeinte Tat kann verletzen und demütigen, ohne dass das in der Absicht des Helfers stand.
Dem Bösen kann der Mensch mehr oder weniger erfolgreich mit Gutem entgegentreten und es dadurch vielleicht eindämmen. Oft jedoch sieht sich der Mensch in das Böse verstrickt und erlebt es mächtiger als sich selbst.

In dem Versuch, das Böse zu erklären, ist die Frage nach dem Woher des Bösen schon enthalten. Im ethischen Diskurs des Bösen wird das Böse auf den Menschen zurückgeführt, ob nun auf seine Besitz- und Genussgier, auf seine biologische Triebnatur, auf seine umfassende Daseinsangst, auf die von ihm geschaffenen unterdrückenden Gesellschaftsstrukturen oder auf seinen Hass. Es bleibt jedoch die grundsätzliche Frage nach dem Ursprung des Bösen.

 

3 Woher das Böse?

Für Holzhey geht mit einer Genese des Bösen auch die weitere Klärung dessen einher, „... was es denn mit dem Bösen auf sich hat – ob es sich nun um die Bedeutung des Ausdrucks <<böse>> oder um die Relevanz sowie Art und Weise modernen philosophischen Umgangs mit dem Bösen handelt.“ [22]

Er verweist auf das breite Spektrum genetischer Erklärungen, das von dem Mythos des Engelfalls bis zur schon erwähnten Aggressionstheorie reicht.

Ausführlicher stellt Holzhey den Mythos vom Engelfall unter dem Hinweis dar, dass er eine „... kleine Anhänglichkeit an Engellehren entwickelt habe.“ [23] Nach der Feststellung, dass der Mythos vom Engelfall ein Indiz für die rationale Unlösbarkeit der Aufgabe ist, den Ursprung des Bösen zu erklären, liefert er „rücksichtslos zusammengefasst“ [24] eine kurze Darstellung des Mythos, die hier zitiert werden soll: „Luzifer bzw. Satanael, der <<Fürst dieser Welt>>, empört sich ob Gottes Plan, bei der Erschaffung der Welt dem Menschen unter allen Geschöpfen eine Ausnahmestellung zu geben; er empfindet das als Erniedrigung, ist neidisch, zweifelt an Gottes Weisheit. Die Empörung führt zu seinem Sturz, in den er ein Drittel der Engel, die auch abfallen, mitreißt.“ [25]

Die Grundaussage dieses Mythos ist folgende:

§       Da Luzifer ein geschaffenes Wesen ist, geht das Böse nicht auf ein dem Guten gleichwertiges Prinzip zurück.

§       Der Ursprung des Bösen liegt in der Auflehnung, also im Willensakt

§       Das menschliche Böse ist in einem universalen Zusammenhang zu sehen. Die Erfahrung der bösen menschlichen Tat hat ihre Geschichte in einem mit der Weltschöpfung verknüpften, dem menschlichen Sein vorangegangenen Geschehen.

Im Zusammenhang mit dem Mythos vom Engelfall diskutiert Holzhey die Frage nach der bewirkenden Ursache des Bösen und referiert Augustin, der mit seinem Versuch der Erklärung des Bösen die private Natur des Bösen beschreibt. [26]

Holzheys Interpretation des Mythos vom Engelfall ist für mich deshalb wesentlich, weil sie zwei Dinge leistet und in diesem Sinn eine tatsächliche Hilfe bei der Schwierigkeit des geistigen Erfassens des Bösen bietet. Erstens muss man „die Entscheidung zum Guten oder Bösen dem Engel, wie er von Gott geschaffen ist, selbst einschreiben. Gott bindet den Engel an ein einziges Entweder – Oder. ... Die gut geschaffene Kreatur gerät vor die Freiheit der Wahl, weil sich nur darin die Intention des Schöpfers erfüllt.“ [27] Und zweitens muss sich der Engel „... unabhängig von Gott entscheiden. ... Nicht erst dem Menschen, schon dem Engel gehört die <<reale und lebendige>> Freiheit, ... das Vermögen des Guten und des Bösen. Heißt das nicht, dass der göttlichen, der guten Ordnung als solcher der Streit zwischen Gut und Böse eingeschrieben ist?“ [28]

Diese Interpretation leistet für mich über den allegorisch aufzufassenden Mythos vom Engelfall hinaus die Zuschreibung der Entscheidungsfreiheit zwischen Gut und Böse auf das menschliche Handeln, wenn man den Mythos vom Engel als Bild des Menschen ansehen will. Der Mythos beschreibt das Böse in seiner ganzen Ambivalenz. Das Böse ist in die gute göttliche, die erste, grundlegende Weltordnung eingeschrieben. Jenseits des Vernunftgebrauchs, jenseits von Freiheit und autonomen, selbstbestimmten Handeln liegt somit das Potential zum Bösen schon im Menschen. Damit einher geht die Bindung des Bösen an den freien Willen des Menschen. Und gerade diese Bindung muss in der ihr innewohnenden Ambivalenz gesehen werden. Das entweder – oder jeder freien Entscheidung heißt nicht, dass das Ergebnis der auf die freie Entscheidung folgenden Tat zwangsläufig gut sein muss. Außerdem sehe ich die Entscheidung zwischen Gut oder Böse nicht immer an den freien Willen des Individuums gebunden. Angesichts der physischen oder psychischen Gewalt beispielsweise während der Folter ist es für mich fraglich, von freier Entscheidung zu einer (sehr wahrscheinlich wiederum Böses nach sich ziehenden) Aussage  zu sprechen, wenn diese Aussage angesichts des Bösen in Form blanker Gewalt erpresst wurde. Und als wichtige Frage stellt sich mir das Problem, was aus der Bindung der Entscheidung zwischen Gut und Böse an den Willen resultiert: Was bedeutet die Entscheidung zum Bösen?

An anderer Stelle, bei Sabine Kleine [29] , wird darauf hingewiesen, dass es Kant war, der als erster  die These aufstellte, „ der Keim des Bösen liege in der Vernunft, nicht im Leib.“ [30] In der Moralphilosophie legte Kant die Annahme der Autonomie des menschlichen Willens zugrunde. Freiheit, Selbstbestimmung und Autonomie des Willens ermöglichen es dem Einzelnen, die Maximen des eigenen Handelns zu wählen. Dem kategorischen Imperativ des Sittengesetzes zufolge ist die Moralität des Handelns nachträglich wägbar durch den Rückschluss auf die Grundsätze, aus denen das Handeln resultierte. Als moralisch gut gilt das Tun, dessen Grundsätze gemäß dem kategorischen Imperativ dem Kriterium der Verallgemeinerbarkeit genüge leistet. Offensichtlich gibt es das sittlich Böse, die Handlung, die „dem Reglement des kategorischen Imperativs provokant sich widersetzt.“ [31] Demzufolge muss Kant die böse Handlung ebenfalls als Akt der Freiheit annehmen, als bewussten, sich vorsätzlich nicht um den kategorischen Imperativ kümmernden Willensakt. Das heißt, die böse Tat hat ihren Ursprung in der Vernunft und geht auf eine grundsätzlich amoralische Handlungsmaxime zurück. Diese Handlungsmaxime nennt Kant das „radikal Böse“. [32]

Bei Kant folgt aus der Annahme der Autonomie des vernunftbestimmten menschlichen Handelns die Freiheit der Selbstbestimmung sowohl zu Guten als auch zum Bösen. „Das gute und das böse Tun, und folglich: die gute und die böse Vernunft treten mit gleichem Anspruch nebeneinander.“ [33]

Das sich daraus ergebende Rechtfertigungsproblem ist offensichtlich: wenn die böse Tat die gleiche Berechtigung wie die gute Tat hat, wird das Böse dem Guten gleichgestellt. Das  ist jedoch im Sinne des kategorischen Imperativs nicht akzeptabel.
Die Lösung des Problems liegt für Kant in der Annahme, dass die Anlage des Menschen zum ursprünglichen, moralisch Guten von dem natürlichen Hang zum Bösen überlagert wird. Anlage und Hang sind differenziert durch die Unterordnung des Hanges unter die Anlage und der Hang ist die bewusste Verkehrung der Maxime. [34]
Das Dilemma zwischen Anlage und Hang, Sittengesetz und radikal Bösem ist der Konflikt der Vernunft mit sich selbst.
Mir erscheint diese These wie der philosophische Vorläufer der Aggressionstheorie. Bei Kant die mit sich im Widerstreit liegende Vernunft, in der Aggressionstheorie die naturwissenschaftlich begründete Fehlleitung an sich nützlicher Triebe. Erscheint das Böse nunmehr ausschließlich im Menschen? Das Böse findet so seinen Platz, es wird zunächst philosophisch im Willen und dann naturwissenschaftlich im Zentralnervensystem lokalisiert, wo es noch immer nicht explizit unabhängig vom Willen existiert. Oder das Böse wird im pathologischen aggressiven Fall bei dem wegschließbaren, behandelbaren kranken Patienten zum Willensunabhängigem erklärt. Das Böse wird therapierbar und ist somit in den Griff zu bekommen.
Was bei Kant der Streit zwischen der Vernunft mit sich selbst ist, die Auseinandersetzung zwischen Anlage und sekundärem Hang, die im Fall des radikal Bösen vom unter der Anlage stehenden Hang sozusagen gewonnen wird. Das Böse: Ein Sieg des Niederen über das moralisch Höhere bei Kant, die Fehlleitung des eigentlich nützlichen Triebes in der Aggressionstheorie. Ist das Böse damit gedanklich fassbarer geworden? Die Frage bleibt für mich offen, weil die Ambivalenz des Bösen nicht ausreichend Beachtung findet. Willentlich das Gute zu tun und trotzdem das Böse zu bewirken bleibt das Böse im Resultat, auch wenn der Rückschluss auf die ursprünglichen Grundsätze des Handelns die Moralität des Handelns nachträglich wägbar macht. Und der Umkehrschluss? Wird die böse Absicht der Tat, deren Resultat das Gute bewirkt, durch die nachträgliche moralische Bewertung zur guten Tat? Wohl kaum, bestenfalls relativiert sich das Ergebnis, wird im Sinne der Bewältigung mit dem Guten in Verbindung gebracht. Was ist aber nun mit der eingangs bei Holzhey erwähnten These, dass es Situationen gibt, wo das Gute so konsequent abwesend ist, dass es das Böse nicht zu relativieren vermag, oder wo das Böse so übermächtig ist, dass das Gute keine Chance zur Relativierung hat? Holzhey hatte bei Bohrer und dessen These vom bösen Kunstwerk einen Ansatz dafür gefunden, der Frage nach der Unmöglichkeit der Relation von Bösem und Gutem nachzugehen.
 
Das böse Kunstwerk ist nach Bohrers Beschreibung vor allem durch die Abwesenheit von Plausibilität gekennzeichnet. Konkret: Gewalt wird so dargestellt, dass sie nicht relativierbar ist. [35] Kunstwerk bedeutet künstlerische Imagination und Form, dass heißt, in diesem Zusammenhang nie von realen Ereignissen zu sprechen, sondern von Vorstellungen der ausgeübten Gewalt oder Zerstörung oder von sonstigen Vorgängen, die als böse aufgefasst werden können. Im Gegensatz dazu stehen beispielsweise Schilderungen von physischer Gewalt in historischen oder philosophischen Zusammenhängen. [36] Das das böse Kunstwerk jenseits seiner Wirkung, die zunächst nur blankes Entsetzen sein kann, wenn es wirklich böse ist, auch auf einer anderen, der strukturellen, Ebene wieder gut ist, habe ich schon erörtert.
Bleibt also die Untersuchung des Bösen als Imagination. Jede Phantasie (nicht nur die sogenannte kranke) kann nicht relativierbare, sinnlose böse Gebilde hervorbringen. Im kantischen Sinn - an den ursprünglichen willentlichen Absichten des Hervorbringers der bösen Gedanken - messbar wird die Imagination des Bösen erst, wenn das Phantasieprodukt öffentlich wird. Öffentlichkeit und die damit einhergehende breite Rezeption wäre demnach Voraussetzung für das böse Kunstwerk. Holzhey hat die Frage nach dem bösen Kunstwerk und den Zusammenhang zu Bohrers Text lediglich aufgeworfen, um auf die „philosophische Schreibart gewendet“ [37]
zu fragen, ob einem philosophischen Text, der das  Böse zum Thema hat, das Gute nicht ohnehin auf Grund seiner Struktur immanent ist. [38]
Gleichwohl steht die Frage: „Gibt es das böse Kunstwerk?“ [39]
Nimmt man Bohrers Text, taucht die Frage nach dem bösen Kunstwerk im Kontext der Imagination auf und darüber hinaus „schreibt er dem Bösen erkennbar einen gesellschaftlichen Sinn zu, einen eminenten sogar: indem er nämlich, wenn auch vorsichtig, unterstellt, im historischen Prozeß kehre das ästhetisch nicht <<ausagierte>> Böse im Politischen wieder“ [40] . Zunächst macht Bohrer zwei Missverständnisse bei der Frage nach dem Bösen in der Kunst und Literatur klar, die in Vermutungen über den Inhalt der Frage bestehen. Erstens würde mit der Frage auf den Sinn einer moralisch – ästhetischen Kategorie gezielt und zweitens  würde nach der Künstlermaske des Immoralisten, des „poète maudit“ gefragt. [41] Für Bohrer zielt  die Frage nicht auf das verkappte Böse in der Welt und seinen Ausdruck in der Kunst oder auf die Selbstdefinition des Künstlers als sich bewusst außerhalb der Konvention stellenden Provokateur. „Vielmehr lautet die Frage nach dem Bösen in der Literatur sinnvoll gestellt folgendermaßen: Hat das Kunstwerk – sofern es denn das Böse darstellt – selbst Anteil an dem von ihm dargestellten Bösen? Gewagt, aber nunmehr verständlich ausgedrückt: Gibt es das böse Kunstwerk? [42] Bohrer stellt fest, dass die deutsche literarische Tradition das Böse in diesem Sinn nicht kennt und es innerhalb der deutschen philosophischen Ästhetik negiert wurde. Diese Feststellung führt ihn zu der These, dass auf Grund des defizitären Vorkommens des Bösen in der Literatur und somit im deutschen moralisch – geistigem Bewusstsein, “... die deutsche Moderne, sowohl zwischen den Weltkriegen als auch nach dem Zweiten Weltkrieg, nie ganz vollendet wurde, so daß die Rede von der >>Postmoderne<< nur Gerede bleibt, wo dieses Defizit nicht bewußt ist.“ [43]
Zunächst macht Bohrer die Situation der französischen Literatur seit der Aufklärung deutlich, in der er ein Kontrastprogramm „... zur deutschen Verfehlung des >>Bösen<< [44] erkennt und „... dessen Wesenheit selbst sichtbar zu machen“ [45] versucht. Durch die Identifikation des Bösen, die er beispielhaft an Gustave Flauberts Roman „Salammbô“ [46] vornimmt, nimmt er dem Bösen seine „liquide, unfaßliche Qualität“ [47] . „Salammbô“ wird für Bohrer zum Exempel für den bösen Text: Der Roman zieht nur die Unentrinnbarkeit aus seinen schrecklichen Bildern nach sich, ist in keinen sozialen Kontext zu stellen und steht außerhalb des moralisch Guten. Entscheidend dabei ist, dass von Bohrer das Böse als Form der künstlerischen Einbildungskraft  beschrieben wird, die der französischen Reflektion über die Entwicklung der Literatur von der Aufklärung bis zur Moderne selbstverständlich ist.
Der Auffassung Bohrers, der das Böse als überwiegend abwesend innerhalb der deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Moderne beschreibt, schließt sich auch Hubert Winkels an. Winkesl führt den Gedanken zur neueren deutschen Literatur fort, in der er „... Beispiele für eine Konzeption des Bösen als ästhetischen Absolutums eher selten“ [48] ausmacht. Somit entsteht ein Bild, in dem die Abwesenheit des Bösen in der deutschen Literatur als Kontinuum dargestellt wird. Daraus folgt die Frage: Fühlt sich die neuere deutsche Literatur der moralischen und ästhetischen Norm, dem Braven und dem Dogma des Angepassten vollkommen verpflichtet?
Wenigstens an einer Passage, einer verschwindend kleinen Stelle gemessen an der Gesamtheit der neueren deutschen literarischen Texte, machen sowohl Bohrer als auch Winkels und Holzhey das Böse als Bruch der traditionell konventionellen  literarischen Norm aus. Holzhey durch das freilich aus dem Zusammenhang gerissene Zitat [49] , Bohrer durch die Aufnahme des Textes in das Merkur – Heft, in dem auch sein Essay „Das Böse – eine ästhetische Kategorie“ [50] erstmals erschien  und schließlich Winkels, der anhand des Textes den Nachweis dafür brachte, dass „ ... die Literatur auch deshalb böse wird, um den als Machttechnik durchschauten Verständigungszwang der modernen Gesellschaft zu entgehen.“ [51] Es handelt sich bei der erwähnten Passage um einen Teil des Textes „Der Attentäter. Bericht“ von Rainald Goetz. [52] Der Text, das Tagebuch eines Terroristen, enthält die bei Holzhey zitierte Schilderung der Vorstellung des völlig unmotivierten, bestialischen Mordes an einem Kleinkind und die Vorstellung von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten. [53] Bohrer stellt den Text lediglich in den Kontext der Merkur – Ausgabe, im weitesten Sinn dient er hier als Beleg für einen bösen deutschen Text, oder zumindest eine böse Textstelle. Der Text als Ganzes hat eigentlich den Staat und die Staatsfeindschaft, die Erfahrung der Auflösung der Persönlichkeit und die Suche nach persönlicher Lebensform angesichts einer als übermächtig destruktiv empfundener Wirklichkeit zum Thema. Der Terror erscheint als unzureichendes Mittel, um diese Konflikte zu lösen und die Imagination des Terrors weicht der strengen Tagebuch – Form, in der nüchtern die Ereignisse eines Monats notiert sind.
Holzhey hat den Text mit seinem auffälligem Entsetzen, was ihm „das Abschreiben fast unmöglich macht“ [54] als Beleg für einen bösen Text zitiert und auch darauf hingewiesen, dass die Textstelle aus ihrem Zusammenhang heraus gerissen ist. Das ist an sich noch kein Mangel. Aber Holzhey hat einen für mich wichtigen Punkt dafür nicht erwähnt, dass der Text überhaupt als böse gelten kann: die von Bohrer beschriebene künstlerische Imagination der Tat. Das es sich darüber hinaus auf der Ebene der Kunstfigur des Attentäters wiederum um die „Idee [Hervorhebung L.S.] einer äußersten direkten vernichtenden Gewalt gegen den nächstbesten Mitmenschen.“ [55] handelt, findet weder bei Bohrer besondere, noch bei Holzhey überhaupt Beachtung.
Es gibt eine doppelte Imagination: auf der ersten Ebene die des Autors und auf der zweiten die des literarischen Subjekts. Wird nicht durch diese Struktur der Hinweis auf die Imagination so überdeutlich, dass der Text seinen Schrecken verliert? Der Schock wird vom Autor provoziert und gleichzeitig relativiert, indem er auf die Vorstellung der literarischen Figur verweist. Durch diesen Bezug auf die Vorstellung des literarischen Ich’s ist die Reflektion des Textes nicht nur für den Rezipienten möglich, sondern dem Text schon immanent. Trotz dem bleibt die Phantasie des Attentäters (die die des Autors ist) grausam. Ist der Text deswegen im Sinne Bohrers böse?
Meine Antwort ist zugleich meine Kritik an Bohrers Text. Sie lautet >ja<, in dem Sinn, als dass es sich um die Imagination einer nicht relativierbaren Abscheulichkeit handelt. Die Antwort muss aber auch >nein< heißen, in dem die Relativierung in der Textstruktur vorgegeben ist und somit auch dem Rezipienten möglich wird. Dieses sowohl >ja<< als auch >nein<, die Beschreibung und Analyse der Ambivalenz des Bösen innerhalb eines literarischen Textes fehlt mir bei Bohrer und Holzhey.
Die beiden wesentlichen Bestandteile des bösen Kunstwerks, die in der äußersten imaginierten Gewalt und Vernichtung einerseits und der Struktur des Textes andererseits bestehen,  wird im bösen literarischen Text überdeutlich. Die Struktur, die Form ist dem Kunstwerk immanent und kein Privileg der Literatur. Die bildende Kunst arbeitet mit ihren spezifischen Strukturen und Formen der Farbkomposition, der Raumaufteilung und der Körperdarstellung.
Wenn die Struktur Bestandteil jedes, auch des bösen Kunstwerks ist, dann muss die Besonderheit des bösen Kunstwerks in der Imagination des Bösen liegen. Worin wird diese Imagination aber deutlicher, als in der Darstellung des Zerstörerischen, des Gewaltsamen und was bietet sich für diese Darstellung besser an als der Terror?
Der Terrorismus ist in jüngster Zeit ein überdeutlich in das Bewusstsein gerückter Bestandteil unserer Zivilisation. Seine unangemessenen Mittel, Methoden und Strategien sind Ausdruck der Vorstellung, dass die hochkomplexen sozialen Systeme und die von den verschiedensten Kontroll- und Kommunikationsstrukturen geprägte Gesellschaft durch tausendfachen Mord verändert werden könne. [56]
Terror ohne politischen Sinn, ohne strategische oder historische Rechtfertigung rückt nicht nur an den Rand der ethischen Wertskala, wie Uwe Wittstock schreibt [57] , er stellt sich meiner Meinung nach eben auf Grund seiner Aussichtslosigkeit und seiner die Spirale der Gewalt weiter drehenden Struktur außerhalb dieser Werteskala.
Auf der vereinfachenden Ebene alltäglicher Auseinandersetzung wird der Terror zum Bösen schlechthin. Das ist sowohl in der politischen Rede des amerikanischen Präsidenten George W. Bush zu beobachten, wenn er von der „Achse des Bösen“ spricht als auch in den Massenmedien, wenn beispielsweise die Bildzeitung von Osama Bin Ladin als dem personifizierten Bösen spricht.
Wie Wittstock unter Zuhilfenahme der Argumentation Hans Magnus Enzensbergers beschreibt, ist das Phänomen Terror und Gewalt mit den Begriffen der aufgeklärten Vernunft nicht zu fassen. Somit liegt es für ihn nahe, „... dass sich die Literatur dieses Themas annimmt, denn Randbereiche des Begreifbaren zählt sie traditionell zu ihren Domänen.“ [58]
Somit wird der Terror in der Literatur der literarische Bewältigungsversuch des unbegreifbaren und nicht fassbaren Bösen. Was aber ist der Bewältigungsversuch des Bösen durch die künstlerische Vorstellungskraft anderes als der Versuch, das Böse durch eben diese Bewältigung in Relation zum Guten zu setzen? Gibt es somit das reine, ausschließlich böse Kunstwerk, den bösen Text, nicht? Wittstock stellt fest: „Wehe dem Schriftsteller, der den Terror durch die Figuren seines Buches nicht offensichtlich genug verurteilen läßt – der ist unwiderruflich des Bösen.“ [59] Die scheinbare distanzlose Darstellung oder Reflektion des Bösen zieht die gesellschaftliche Ächtung nach sich. Die Meinung, dass ein Text, der die Vorstellungen eines Terroristen beinhaltet auch von Terroristen oder mindestens von einem Anhänger des Terrorismus stammen muss, ist sicher ein gedanklicher Kurzschluss, der deswegen nicht weniger verbreitet ist.

Das Böse ist nicht aus dem literarisch bösem Text  verbannt, weil durch die Struktur des Textes und die Relation, die der Hinweis auf die Imagination des Autors mit sich bringt, das Gute anwesend ist. Das Böse ist vorhanden als Imagination der Gewalt, die zwangsläufig relativiert ist durch den Hinweis auf die Imagination und die Struktur. Es ist vorhanden durch die oberflächliche öffentliche wie private Rezeption, die den Bannfluch über den Autor verhängt, weil dieser vermeintlich ein Anhänger des Bösen ist. Und das Böse ist vorhanden durch seine hier deutlich gemachte verborgene Struktur, die freilich nicht ohne das Gute zu denken ist. Somit ist das Böse nicht eliminiert oder aus dem Kunstwerk verbannt, es ist, so hoffe ich, durch den Versuch der differenzierten Betrachtung in seiner Struktur ein wenig deutlicher geworden.

 

 
 
Bohrer, Karl Heinz 1985 Das Böse – eine ästhetische Kategorie? In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken. Heft 6, Juni 1986 S 459-473
 
Bohrer, Karl Heinz 1988a Die permanente Theodizee in: Nach der Natur. Über Politik und Ästhetik München, Wien
Bohrer, Karl Heinz 1988 Nach der Natur. Über Politik und Ästhetik. München, Wien
Foucault, Michel 1992 Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M
Goetz, Rainald 1985 Der Attentäter In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken. Heft 6, Juni 1986 S 506-521;
Haag, Herbert 1989 „Vor dem Bösen ratlos?"  München
Halder, Alois; Müller, Max 1988  Philosophisches Wörterbuch. Freiburg, Basel, Wien
Holzhey, Helmut 1993 Das Böse. Vom ehtischen zum methaphysischen Diskurs. In: H. Holzhey/ J.P.  Leyvraz 1993 Die Pilosophie und das Böse. Bern, Stuttgart
Kant, Immanuel 1793 Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Königsberg.  Zitiert nach: Kant, Immanuel: Werkausgabe in 12 Bänden Hrsg. Wilhelm Weischedel. Franfurt/M 1993 Bd. 8: Die Metaphysik der Sitten
Kleine, Sabine 1998 Zur Ästhetik des Häßlichen; von Sade bis Pasolini. Stuttgart, Weimar
Kunzmann, P.; Burkard, F.-P.; Wiedmann, F. 1991dtv Atlas Philosophie. München
Koch, Mechthild o. J. Aspekte einer befreienden Interpretation von Sünde und ihr Bezug zu einer ressourcenorientierten Sozialarbeit. Diplomarbeit an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH) online: www.ehs-dresden.de (20.03.02)
Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2000. Microsoft Corporation
Russel, Jeffrey Burton 2000 Biographie des Teufels. Wien, Köln, Weimar
Winkels, Hubert 1990 Böses Schreiben – Schreiben gegen das Böse. Weltrettungsdienst Literatur oder Duell zehn nach zwölf. In: die Neue Rundschau 3/1990 S 25-40
Wittstock, Uwe 1990 Der Terror und sein Dichter. Politisch motivierte Gewalt in der neuen deutschen Literatur: Bodo Morshäuser, Michael Wildenhain, Rainald Goetz. In: die Neue Rundschau 3/1990 S 65-78
 
 


Holzhey1993
Bohrer 1988a
Holzhey S 8
Donatien Alphonse François, Marquis de Sade (1740-1814) Auf ihn geht der Begriff des Sadismus zurück. Er wurde nach einigen kürzeren Gefängnisaufenthalten 1772 wegen mehrerer Sexualdelikte mit Prostituierten zum Tod verurteilt, floh nach Italien, wo er wiederum in Haft geriet und nach seiner neuerlichen Flucht weitere Orgien feierte.  1777 kehrte er nach Paris zurück, wurde festgenommen und in Vincennes eingekerkert. Dort war er sechs Jahre in Haft und begann 1782 mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit; ab 1784 verbüßte er mehrere Jahre seiner Gefängnisstrafe in der Bastille, wo als „Frucht jahrelanger Nachtarbeit” ein großer Teil des philosophischen Briefromans Aline et Valcour (1793; Aline und Valcour) entstand. 1789 – zehn Tage vor dem Sturm auf die Bastille – wurde de Sade in die Irrenanstalt von Charenton eingewiesen. 1790 kam er frei. Drei Jahre später rettete ihn ein Schreibfehler Jean Paul Marats vor der Guillotine (später entkam er nochmals der Exekution; er musste aber noch im gleichen Jahr wieder einsitzen). 1801 wurde de Sade aufgrund neuer Vergehen und wegen seiner angeblich „unsittlichen” Literatur abermals verhaftet und verbrachte die Jahre ab 1803 bis zu seinem Tod als Insasse der Anstalt von Charenton.
In seinen Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und in seiner in Dialogform verfassten Schrift La Philosophie dans le boudoir (1795; Philosophie im Boudoir) beschrieb de Sade ausführlich sexuelle Perversionen und Grausamkeiten und verband diese mit ausführlichen philosophischen Erörterungen. De Sade analysierte unbarmherzig die menschliche Bosheit und vertrat die Ansicht, dass sowohl kriminelle wie auch sexuell ausschweifende Handlungen als natürliche Phänomene zu betrachten seien. Quelle: Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000
 
aaO
Der Komponist Karl-Heinz Stockhausen hatte in einem Interview unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September geäußert: "Was da geschehen ist, ist - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat. Dass Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist. Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf eine Aufführung, und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, als Komponisten. Stellen Sie sich vor, ich könnte jetzt ein Kunstwerk schaffen und Sie wären alle nicht nur erstaunt, sondern Sie würden auf der Stelle umfallen, Sie wären tot und würden wiedergeboren, weil es einfach zu wahnsinnig ist. Manche Künstler versuchen doch auch über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden, damit wir uns für eine andere Welt öffnen." Der Kommentar seines Kollegen György Ligeti dazu: "Stockhausen hat sich auf die Seite der Terroristen gestellt. Wenn er diesen niederträchtigen Massenmord als Kunstwerk auffasst, muss ich leider sagen, gehört er in eine psychiatrische Klinik gesperrt." und wenige Tage später veröffentlicht Stockhausen gewissermaßen den Widerruf zu seiner Äußerung: "Wenn sich irgendjemand verletzt fühlt durch meine Äußerungen bei der Pressekonferenz, dann bitte ich um Verzeihung, denn ich habe nie gefühlt oder gedacht, was in meine Worte hineingelegt worden ist.“
Dokumentiert unter http://www.telepolis.de/deutsch/special/auf/9595/1.html (12.02.2002) und dazu die Beiträge von Claus Spahn in „Die Zeit“ 40/2001 und Wolfgang Fuhrmann im Feuilleton der Berliner Zeitung vom 19.09.2001
 
 
Holzhey S 9
Bohrer 1998a S 134
  Holzhey S 10
aaO
Holzhey S 11
aaO
Holzhey S 12
Haag, 1989, S 14
Halder; Müller  S 49, Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000
Holzhey S 15
Koch 1.8.1
Holzhey S 13
Russel 2000 S 11
Holzhey S 13
Russel S 11
Holzhey S 14
Holzhey S 15
aaO
aaO
aaO
Holzhey S 16
Holzhey S18
aaO
Kleine S 22
aaO
aaO
Kleine S 23
„Da dieser Hang nun selbst als moralisch böse, mithin nicht als Naturanlage, sondern als etwas, was dem Menschen zugerechnet werden kann, betrachtet werden, folglich in gesetzwidrigen Maximen der Willkür bestehen muß; diese aber, der Freiheit wegen, für sich als zufällig angesehen werden müssen, welches mit der Allgemeinheit dieses Bösen sich wiederum nicht zusammen reimen will, wenn nicht der subjektive oberste Grund aller Maximen mit der Menschheit selbst, es sei, wodurch es wolle, verwebt und darin gleichsam gewurzelt ist: so werden wir diesen einen natürlichen Hang zum Bösen, und, da er doch immer selbstverschuldet sein muß, ihn selbst ein radikales, angebornes (nichts destoweniger aber uns von uns selbst zugezogenes) Böse in der menschlichen Natur nennen können.“ Kant S. 680
aaO
aa0; Maximen sind bei Kant subjektive Grundsätze. Sie machen als Bestimmungsgründe des Willens dessen Wert und damit den Wert der Handlung überhaupt aus. Sittlich gut sind sie erst dann, wenn sie dem formalen Kriterium des kategor. Imperativs genügen. Sie müssen so beschaffen sein, daß sie zugleich für alle vernünftigen Wesen gelten können. Kunzmann; Burkard; Wiedemann S 143
aaO
Die Beschreibung von der Hinrichtung eines Straftäters in der Mitte des 18. Jahrhunderts, mit der Michel Foucault sein Buch „Überwachen und Strafen“ eröffnet, ist zweifellos die Schilderung äußerster physischer Grausamkeit. Jedoch wird man dem Text insofern keine künstlerische Qualität zusprechen, ihn nicht einmal in den Zusammenhang mit Kunst bringen, weil er lediglich die Schilderung einer historischen Tatsache ist. Merkwürdiger Weise stellt der Verlag durch den Klappentext einen Bezug zum Bösen her, der an dieser Stelle eigenartig unmotiviert scheint und noch dazu eine Unterstellung an den Autoren ist: „In Überwachen und Strafen fällt sein [Foucaults L.S.] >>böser Blick<< auf die Institution des Gefängnisses und seiner Disziplinierungsmechanismen, die zu dieser Strafinstitution ebenso gehören, wie die Arbeitsmoral zur Fabrik und...“
Um den Zusammenhang der Qualität der dargestellten Gewalt mit dem später zu zitierenden Text von Rainald Goetz herzustellen, hier nur eine kurze Passage aus Foucaults Schilderung der Exekution:
 
„Man zündete den Schwefel an, aber das Feuer war so schwach, daß die Haut der Hand davon kaum verletzt wurde. Dann nahm ein Scharfrichter, die Ärmel bis über die Ellenbogen hinaufgestreift, eine etwa anderthalb Fuß lange, zu diesem Zweck hergestellte Zange aus Stahl, zwickte ihn damit zuerst an der Wade des rechten Beines, dann am Oberschenkel, darauf am rechten Ober- und Unterarm und schließlich an den Brustwarzen. Obwohl dieser Scharfrichter kräftig und robust war, hatte er große Mühe, die Fleischstücke mit seiner Zange loszureißen; er mußte jeweils zwei­ oder dreimal ansetzen und drehen und winden, die zugefügten Wunden waren so groß wie Laubtaler.
Bei diesem Zangenreißen schrie Damiens sehr laut, ohne freilich zu lästern - danach hob er das Haupt und besah sich. Derselbe Scharfrichter nahm nun mit einem Eisenlöffel aus einem Topf die siedende Flüssigkeit, die er auf jede, Wunde goß. Darauf knüpfte man dünne Stricke an die Seile, die an die Pferde gespannt werden sollten, und band damit die Pferde an je ein Glied.“ Foucault S 10
[37] Holzhey S 9
  siehe Fußnote 7
Bohrer S 133
Winkels S 28
Bohrer aaO
Bohrer aaO
Bohrer S 133 ff
Bohrer S 134
Bohrer aaO
Gustave Flaubert 1821-1880. Flauberts Werk markiert die Anfänge der Prosakunst der Moderne. Von 1840 bis 1843 studierte Flaubert in Paris Jura, musste das Studium jedoch wegen einer Nervenkrankheit abbrechen. In der Folgezeit lebte er sehr zurückgezogen und widmete sich fast ausschließlich der Schriftstellerei. Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts unternahm Flaubert eine Reise nach Tunesien, um Eindrücke für seinen Roman Salammbô zu sammeln. Mit Salammbô legte Flaubert 1863 einen historischen Roman vor, der mit exotischem, stark symbolisch aufgeladenem Bilderreichtum und drastischen, detailreichen Schlachtenbeschreibungen einen Söldneraufstand im Karthago zur Zeit nach dem 1. Punischen Krieg zum Thema hat.
Flauberts erster und bekanntester Roman Madame Bovary. Mœrs de province (1857, Madame Bovary. Ein Sittenbild aus der Provinz), schildert das triste Eheleben der jungen Protagonistin Emma Bovary und ihre Versuche, dem kleinbürgerlichen Leben auf dem Land und ihrem immer mehr verhassten Mann zu entfliehen. Der Roman, in dem es gelang, einem banalen Thema den Einzug in die Weltliteratur zu eröffnen, löste nach seiner Veröffentlichung einen Skandal aus. Es kam zu einem Gerichtsprozess, in dem der Autor der Immoralität angeklagt wurde, da der dargestellte Ehebruch in dem Roman nicht verurteilt wird. Microsoft Encarta Enzyklopädie
Winkels S 27
Winkels S 28
siehe Fußnote 8 in Holzhey 1993
Merkur 6/1985
Winkels S 29
Goetz 1985
Rainald Maria Goetz wurde 1954 in München geboren. 1974 begann er sein Doppelstudium der Geschichte und Medizin an der Ludwig-Maximilian-Universität München.1978 promovierte er zum Dr. phil., vier Jahre später zum Dr. med.1976 trat er erstmals mit literaturkritischen und essayistischen Publikationen an die Öffentlichkeit. Einem größeren Publikum wurde er 1983 durch seinen provokativen Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt bekannt, bei dem er sich mit einer Rasierklinge einen Schnitt quer über die Stirn zufügte. Goetz wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien geehrt, u. a. dem „Kranich mit dem Stein“ (1983), dem Suhrkamp Autorenstipendium (1983), dem Mühlheimer Dramatikerpreis (1988 und 1993), der Fördergabe des Schillerpreises (1989) sowie dem Preis der Peter-Suhrkamp-Stiftung (1995) und dem Else-Lasker-Schüler-Preis. 2000 erhielt er den von DeutschlandRadio und der Stadt Braunschweig ausgelobten Wilhelm-Raabe-Preis für seinen Roman "Abfall für alle".
aaO S 515 Auch auf die Gefahr hin, die Textstelle wieder nur aus dem Gesamtzusammenhang zu zitieren, soll der entsprechende Abschnitt hier erscheinen.
 
 
„Ich bin nicht der Attentäter, ich bin nur besessen von der ganz normalen Idee einer äußersten direkten vernichtenden Gewalt gegen den nächstbesten Mitmenschen. Ich sehe ein Kleinkind irgendwo, in der ganzen Dämlichkeit, die Kinder an sich haben, es schreit, es spielt, es benimmt sich gar gezielt kindlich, das ist das Allerwiderwärtigste, so ein sich selbst als Kind spielendes Kind, und ich habe nur einen Gedanken, dieses Kind an den Fesseln zu packen und es durch die Luft mit dem Kopf mit aller mir möglichen Wucht immer wieder über die Schreibtischkante zu schlagen, immer wieder, mit aller Wucht, den Kopf über die Schreibtischkante ziehen, bis das ganze dämliche Kind nur noch ein blutiger triefender Fleischklumpen ist, der mir am erschöpften Arm hängt, und es wäre endlich vollkommen Ruhe, außer dem stillen Tropfen von dem Blut auf den Boden. Sehe ich so ein Kind, denke ich automatisch nur das, sehe ich mich automatisch das Kind über der Tischkante total zu Brei schlagen, deshalb schaue ich, sehe ich so ein Kind, schnell weg. Jürgen Bartsch, diese ordentlichen Morde, die Höhle, die Kerzen, das Locken der Opfer, dann das Zerstückeln, verbotenermaßen, heimlich, erregt habe ich alles in den Zeitungen gelesen, die Prozeßberichte, jeden Prozeßbericht, jeden Polizeibericht.
Nicht anders geht es mir mit Reagan. Ich sehe das Gesicht von so einem Präsidentenschwein, von so einer imperialistischen Politikercharaktermaske, von so einem Staatstrottel, und es ist mir automatisch das Gesicht des Volksfeindes schlechthin, in das ich hineinschießen muß, mit einer möglichst großkalibrigen Waffe, mit einem möglichst breitenwirksam zerstörerischen Dumdumgeschoß, daß es das Gesicht ordentlich und total zerfetzt, nicht ein Loch in der Stirne, so wohltuend tödlich das sein mag, erscheint mir erstrebenswert, einzig Zerfetzung, ein zu einem hautfleischundknochenzerfetzten blutigen Gesichtsmatsch total zerfetztes Präsidentengesicht sehe ich, sehe ich das Gesicht von so einem Präsidentenschwein.“
Holzhey S 9
Goetz aaO
Wittstock  S 65
aaO S 66
aaO S 67

aaO


Der Text wurde an der Philosophischen Fakultät, Institut für Philosophie der Technischen Universität Dresden im Sommersemester 2001 im Seminar "Das Böse" bei Prof. Dr. T. Rentsch geschrieben und mit "sehr gut" bewertet.


 

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